Plagiarismus in den Naturwissenschaften: Was anders ist

Die Möglichkeiten in den Naturwissenschaften eine Doktorarbeit zu fälschen oder zu plagiieren, sind grundliegend anders als z.B. in den Rechts- oder Geisteswissenschaften, da beispielsweise ein biomedizinischer Doktorand in einem Labor arbeitet, Experimente durchführt und deren Vorgehensweise und Ausgang in einem sogenannten Laborbuch dokumentieren muss.

Das Laborbuch eines Naturwissenschaftlers ist also wie die Black-Box eines Flugzeugkapitäns – Mit ihm kann man im nachhinein nachvollziehen was passiert ist und was gemacht wurde, wenn man seine Abschlussarbeit zusammenschreibt. Sich nämlich seine Labortätigkeiten über die Jahre hinweg zu merken, ist schlichtweg unmöglich. So wird von jedem Arbeitsgruppenleiter, der eine naturwissenschaftliche Forschungsgruppe leitet, verlangt, solch ein Laborbuch zu führen und alles möglichst genau zu dokumentieren. Es ist in Besprechungen und Meetings fast immer mit dabei und dient als erste Anlaufstelle, wenn Fragen über Methoden und Durchgeführtes auftauchen. Nicht zuletzt muss es vom jeweiligen Institut an dem Wissenschaft betrieben wird, aufbewahrt werden, um so restrospektiv nachvollziehen zu können, wie und ob im Labor alles sauber vonstatten ging. Sie werden nämlich regelmäßig von Behörden des jeweiligen Bundeslandes inspiziert und kontrolliert, um so die „gute Laborpraxis“ nachzuprüfen, die seit 1990 gesetzlich verpflichtet ist. So müssen Wissenschaftler nicht nur in Deutschland, sondern auch in vielen anderen Ländern weltweit aus den Bereichen Medizin, Biologie, Chemie und Physik dafür sorgen, dass bestimmte Chemikalien korrekt gelagert und Sicherheitsprotokolle eingehalten werden, um so sauber und gewissensvoll arbeiten zu können. Schließlich sind Forschungslabore kein Spielplatz in denen man tun und lassen kann, was man möchte. Hier findet u.a. Wissenschaft in Laboren mit biologischer Schutzstufe statt, worin z.B. molekularbiologisch mit Tuberkulose- und HI-Viren gearbeitet wird und bestimmte Regeln einfach eingehalten werden müssen.

Otto Hahns Laborbuch

Laborbuch vom Nobelpreisträger Otto Hahn aus dam Jahre 1938 (Quelle: Wikipedia) – Schon damals waren Laborbücher an der Tagesordnung, heute gibt es sie bereits in digitaler Form.

Man muss also feststellen, dass in der Naturwissenschaft der Raum von Manipulationen etwas begrenzter ist, dennoch natürlich vorkommt und sich statt im Bereich von Doktorarbeiten eher bei Daten finden lassen, die ihren Einzug in Publikationen und Studien erhalten. Oftmals steht ein Naturwissenschaftler nämlich unter enormen Zeitdruck, um Experimente durchzuführen und so Ergebnisse zu bekommen, die den Geldgeber des finanzierten Forschungsprojektes zufrieden stellen. Man kann hier unter Zeitdruck also leicht in unmoralische Verhaltensweisen verfallen oder auch einfach zum Zeitsparen schlampig arbeiten, nur um so seine weitere Finanzierung sicherzustellen. Nicht zuletzt werden Daten manipuliert, um High-Impact-Publikationen zu erzeugen, um sich so unter Forscherkollegen einen großen Namen zu machen. In der Naturwissenschaft wird man nämlich an seinen Publikationen gemessen und wenn man einfach keine erstaunlich neuen Ergebnisse hervorbringt, bastelt man sie sich eben mal. Auch dies ist trotz der guten Laborpraxis möglich, wenn man sich nur geschickt dabei anstellt.

Alles ist schon vorgekommen, aber es ist absolut nicht hinnehmbar, weil so der Ruf von allen ehrlich arbeitenden Wissenschaftlern beschädigt wird. So wird heute schon nach den Plagiatsaffären um Guttenberg, Koch-Mehrin und Co. gewitzelt, dass ein Doktortitel ganz simpel erschlichen werden kann, was zu Lasten derer geht, die sich ehrlich durch den Dschungel der Promotion gekämpft haben und es noch immer tun.

Dieser Dschungel ist besonders in der Naturwissenschaft hart zu durchlaufen, da man – wenn man überhaupt bezahlt wird – auf einer Halbtagsstelle sitzt, aber Vollzeit und darüber hinaus arbeiten muss, um Ergebnisse zu produzieren, die einem seine Stelle sichern. Zum Alltag eines ehrlichen Wissenschaftlers kann jetzt nicht auch noch dazukommen, dass er sich für seinen Doktortitel rechtfertigen muss.

Über den naturwissenschaftlichen Betrieb sollte man zudem auch noch wissen, dass hier das Ziel aus einem Erkenntnissgewinn besteht, der weltweit reproduziert werden und somit als neue Tatsache anerkannt werden kann. Diese findet dann ihren Weg in die Lehrbücher für nachrückende Wissenschaftler. Dieser gesamte Prozess besteht aus Veröffentlichung von Publikationen, die der Welt die geleistete Arbeit präsentieren und von anderen Forschern genutzt werden, um die Ergebnisse zu bestätigen und um sie für weitere Forschung anzuwenden, da man schließlich immer tiefer in die Materie eindringen möchte. Es findet also immer eine gegenseitige Kontrolle von Ergebnissen statt, die, wenn sie im Labor nicht reproduziert werden können, falsch sein müssen und Naturwissenschatler früher oder später auffliegen, wenn sie Daten manipuliert haben. So eine Kontrolle gibt es in dieser Art bei den Rechts- oder Geisteswissenschaften nicht.

Nicht zuletzt werden in Labors mit Methoden und Experimenten gearbeitet, die nach gewissen Protokollen durchgeführt werden müssen, da sie sonst schlichtweg nicht funktionieren würden. Hier ist also nur ein kleiner Raum für mögliche Manipulationen gegeben, da man die Dürchführung nicht einfach so verändern kann, wie man möchte, um so vielleicht gewünschte Ergebnisse zu bekommen.

Nun zum Ende noch drei wichtige Punkte, die man sich merken sollte:

  1. Politikern sagt man aufgrund der zeitraubenden politischen Karriere nach, sie ständen permanent unter Zeitdruck und könnten so einer Promotion nicht immer gewissenhaft nachgehen. Mit dem gleichen Problem sind allerdings alle anderen Wissenschaftler, besonders im Bereich der Naturwissenschaften, auch konfrontiert. Sie müssen nämlich neben der Promotion Publikationen schreiben und sind zudem im universitären Lehrbetrieb eingebunden. Dennoch ist hier der überwiegende Teil dazu in der Lage, sauber zu arbeiten und korrekte Abschlussarbeiten oder Publikationen einzureichen.
  2. Der Möglichkeitsrahmen eine Abschlussarbeit zu plagiieren oder Ergebnisse zu fälschen ist bei Rechts- und Geisteswissenschaftlern wesentlich größer als bei den Naturwissenschaftlern.
  3. Laborbücher müssen naturwissenschaftliche Studenten bereits in Kursen und Praktika benutzen. Sie lernen somit früh korrektes wissenschaftliches Arbeiten und Protokollieren.

Dieser Artikel erscheint parallel in Sebastian Reuschs Blog ENKAPSIS bei WissensLogs.

Bildnachweis: Otto Hahn’s Notebook, Wikimedia, von J. Brew, CC BY-SA 2.0 Generic.


14 Kommentare on “Plagiarismus in den Naturwissenschaften: Was anders ist”

  1. Die Unterschiede zwischen Natur- und Geisteswissenschaften mögen vorhanden sein, ich würde den Graben aber nicht so tief ausheben – dafür ist die Vielfalt der Wissenschaften auf beiden Seiten zu groß. Weder ist jede Naturwissenschaft laborbasiert, noch ist jede Geisteswissenschaft datenlos.
    „Es findet also immer eine gegenseitige Kontrolle von Ergebnissen statt, die, wenn sie im Labor nicht reproduziert werden können, falsch sein müssen und Naturwissenschatler früher oder später auffliegen, wenn sie Daten manipuliert haben. So eine Kontrolle gibt es in dieser Art bei den Rechts- oder Geisteswissenschaften nicht.“ – Genau das würde ich (als Geisteswissenschaftler) doch bezweifeln: Die Kontrolle der Ergebnisse findet genauso statt (oder auch nicht).
    Und der dritte Punkt zum Schluss lässt sich auch genauso für Geisteswissenschaftler formulieren: „Zitierregeln und -nachweise müssen geistesissenschaftliche Studenten bereits in (Pro-)Seminaren und Übungen benutzen. Sie lernen somit früh (ab dem ersten Semester) korrektes wissenschaftliches Arbeiten und Zitieren.“

    • sreusch sagt:

      Publikationen wie sie beispielsweise auf PubMed und auf arXiv aus den Bereichen Biologie, Medizin und Physik zu finden sind, sind allerdings nichts Übliches in den Geistes- und Rechtswissenschaften. Zumindest wäre es neu für mich, wenn auch hier wie am Stück publiziert wird bzw. werden muss. Hier findet also sicherlich eine andere Art der „Kontrolle“ statt, die sich aber keinesfalls mit der, der Naturwissenschaften deckt. Darauf wollte ich hinaus.

      • Marc sagt:

        Auch in den Sozialwissenschaften werden Ergebnisse hinterfragt und z.T. werden diese auch überprüft.

        Oder man arbeitet auf Basis dieser Ergebnisse weiter. Dann stellt sich aber auch schnell raus, dass etwas nicht stimmt, wenn diese Basis dann versagt.

        Darüber hinaus wird auch in den Sozialwissenschaften publiziert. Allerdings muss man hier differenziert schauen, wo und was publiziert wurde.

        Die Idee des Publish or Perish ist dabei sicherlich auch schwierig und sollte insgesamt vielleicht überdacht werden.

  2. Marc sagt:

    hier wird vielleicht einer falschen vorstellung von dem aufgesessen, was ein forscher in den geisteswissenschaften bzw. den sozialwissenschaften tut? auch diese müssen nachvollziehbar dokumentieren, was sie tun und wie sie zu welcher erkenntnis kommen. dazu gehört ebenso die dokumentation der forschung, wie die der dateninterpretation. auch hier gilt es zu archivieren, um die daten (bzw. deren dokumentation) nachträglich zugänglich zu halten.

    auch in den sozialwissenschaften erlebt man die angesprochenen drucksituationen. allerdings sollte man vielleicht weg gehen von dem zwang zu high-impact-publikationen. sondern jeder publikation ihren wert zugestehen? (solange sie eben den regeln wissenschaftlichen arbeitens folgt). auch die angesprochene arbeitssituation ist übrigens ein unding und auch ausserhalb der naturwissenschaften zu finden. aber wie beschrieben, kein grund für plagiaten.

    ich würde aber gerne die 3 punkte am ende ergänzen bzw. einen blick aus den sozialwissenschaften darauf legen. auch über deren arbeitsweise sollte man etwas wissen:

    1. hier kann m.e. der hinweis „besonders im bereich der naturwissenschaften“ für einen sozialwissenschaftlichen blick einfach herausgenommen werden. insgesamt scheint zeitdruck vorzuherrschen und verschärft zu werden.

    2. hiermit tue ich mich schwer. Wenn ich ergebnisse fälsche, dann ist auch dies mit großem aufwand verbunden. die daten von 1300 fragebögen oder 10 einstündige interviews so zu fälschen, dass sie zu einem ergebnis passen, das man gerne hätte, dürfte unglaublicher aufwand sein. hier sitzen die naturwissenschaftler scheinbar der idee auf, dass geistes- und sozialwissenschaftler ohne daten arbeiten würden. und die wiedergabe und der bezug von theoretischen erkenntnissen von kollegen ist in den geistes- und sozialwissenschaften üblich, muss aber ebenfalls einer logik folgen und letztendlich auch zur erkenntnis beitragen. also einfach copy & paste funktioniert hier auch nicht.

    3. auch in den geistes- und sozialwissenschaften wird wissenschaftliches arbeiten bereits im studium gelehrt und sollte ein selbstverständnis sein.

    was vielleicht ein wichtiger hinweis ist: wir sollten nicht versuchen natur- und sozialwissenschaftliche promotionen und forschung gegeneinander auszuspielen und das problem in die eine oder andere richtung zu schieben. vielmehr sollte man sich gedanken darüber machen, wie man diesem problem insgesamt beikommen kann

    • sreusch sagt:

      Ich gebe Ihnen vollkommen Recht und ich möchte keineswegens die verschiedenen Wissenschaften gegeneinander ausspielen. Plagiarismus und Datenmanipulationen sind ein globales Problem und überall zu finden, dennoch unterscheiden sie sich von Fach zu Fach, worauf ich eigentlich hinaus wollte. Mehrere Lösungen für dieses Problem stehen schon parat. In den USA hat man beispielsweise schon angefangen mit einer bestimmten Software Haus- und Abschlussarbeiten systematisch nach Copy&Paste-Vergehen abzusuchen. Das ganze eignet sich anscheinend so gut, dass wissenschaftliche Fachzeitschriften – ganz vorne mit dabei das High-Impact-Journal „The Lancet“ – sich dessen ebenfalls bedienen. So kann im Vornherein abgeschreckt werden, Schandtaten zu begehen. Es ist also an der Zeit, dass sich Deutschland – insbesondere die Universitäten – auch mal über so etwas Gedanken machen sollte.

      • ockham sagt:

        Aber die Naturwissenschaftler sollten schon darauf pochen, dass es die Probleme nicht im gleichen Masse gibt und sie v.a. nicht die gleichen schweren Folgen verursachen, die die scientific community wesentlich lähmen und den Wissensfortschritt und damit das Ansehen der Disziplin schädigen können.
        Letztendlich leidet der Ruf des dt. Dr.rer.nat mehr unter der Unzulänglichkeit der Geisteswissenschaftler die Qualität ihrer Arbeiten zu überprüfen als umgekehrt. Es ist ja bezeichnend, dass die hptsl. naturwiss. tätigen Forschungsverbände mit ihrer Presseforderung Koch-Mehrin aus dem Amt gekickt haben.

  3. worlov sagt:

    Eigentlich wollten Sie über Plagiat schreiben… stattdessen versuchen Sie zu begründen, wie schwer die Datenfälschung in der Naturwissenschaft sei🙂

    Haben Sie unbewusst eben was aufgedeckt? – Ist die Datenfälschung nicht etwa die eigentliche Plage der Naturwissenschaft, so wie Plagiat in der Geisterwissenschaft?

    • sreusch sagt:

      Dieser Blog, wie man es auf der „Über uns“-Seite nachlesen kann, beschäftigt sich mit allen Formen des wissenschaftlichen Betrugs, wozu sowohl Plagiate als auch Datenmanipulationen gehören. Daher werden hier zukünftig Artikel erscheinen, die sich mit dem einen, mit dem anderen oder mit beiden Themen beschäftigen.

      Ist die Datenfälschung nicht etwa die eigentliche Plage der Naturwissenschaft, so wie Plagiat in der Geisterwissenschaft?

      Auf jeden Fall! Ich habe ja versucht, dies in meinem Artikel herauszuarbeiten und erkläre, wie sich speziell die Naturwissenschaften mit wissenschaftlichem Betrug rumschlagen müssen und das sich dieser eben hauptsächlich in Datenmanipulationen äußert.

  4. Marc sagt:

    @ockham:

    Warum sollten die Sozial- gegen die Naturwissenschaften gegeneinander ausgespielt werden? Sind Plagiate nicht grundsätzlich ein Problem? Wäre nicht ein gemeinsames Auftreten sinnvoll?

    Und wenn, dann sollte man nicht auf die Idee kommen, dass der Ruf eines Dr. rer. nat. unter dem agieren anderer Disziplinen zu leiden zu hat.

    Schade, dass dies immer versucht wird hier zwei unterschiedliche Systeme mit ihren Methoden und Gegenständen gegeneinander auszuspielen.

    • sreusch sagt:

      Ich finde, dass an ockhams Aussage durchaus etwas dran ist, schließlich ist die Unterscheidung zwischen „harten“ und „weichen“ Wissenschaften nicht von ungefähr. Mir ist aufgefallen, dass sich das wissenschaftliche Denken zwischen Naturwissenschaftlern und allen anderen sichtlich unterscheidet und es daher nicht verwundert, dass die Forschungsverbände als erstes auf Koch-Mehrins Fehltritt reagiert haben, da sie – meiner Erfahrung nach – einen größeren Wert auf „saubere“ wissenschaftliche Arbeit legen. Nicht zuletzt, weil man durch den Publikationsdruck der in den Naturwissenschaften herrscht, dieses Arbeiten noch einmal deutlich fördert, einprägt und somit unabdingbar wird. Es wird quasi eingeimpft.

      Es soll sich bitte niemand auf den Schlips getreten fühlen, vielleicht mag es auch daran liegen, dass die Forschungsverbände einfach besser organisiert sind, aber dieser Unterschied im Denken ist Realität…oder ich studiere an einer Hochschule an der alles anders ist als im restlichen Deutschland.

      Dennoch ist es natürlich falsch, wie Sie ja auch sagen, mit getrennten Waffen zu kämpfen und das möchte ich auch garnicht.

      • Marc sagt:

        Ich vermute, dass dies aus den unterschiedlichen Disziplinen herührt. Die Unterscheidung ist auch sicherlich in einigen Fällen richtig. Aber insbesondere die angebliche Differenz zwischen harten und weichen Wissenschaften halte ich für überzogen.

        In den Sozialwissenschaften finden sich sowohl quantifizierende Methoden, als auch solche, die eher qualitativ arbeiten.

        Sicherlich unterscheidet sich das Denken in den Disziplinen. Und in einigen Disziplinen müssen Ergebnisse bzw. deren Interpretation anders diskutiert werden, als in anderen.

        Sauber sollten allerdings alle Wissenschaften arbeiten. Auch qualitatives Arbeiten muss sauber erfolgen. Und auch für die Veröffentlichungen ist dies notwendig. Leider wird das Bild oftmals eher durch die Medien und die dort typischen Vertreter einerseits geprägt (mit allem, was auch für die NaWi’s dranhängt: verkürzte Darstellungen, Vereinfachungen) und zum Teil auch von der Vorstellung, dass sich jeder zu diesen Themen auf dem selben Niveau äußern kann ohne ein entsprechendes Studium. Leider ist dies ein Mißverständnis.

        Mein Eindruck ist, dass die jeweiligen Wissenschaften schon jeweils Gegenstandsangemessen arbeiten. Dies sollte wechselseitig einfach mehr akzeptiert sein und wertgeschätzt werden.

        Gemeinsam, nicht nur mit Blick auf Plagiate, als Wissenschaft aufzutreten halte ich dabei für wesentlich.

  5. Christoph Jansen sagt:

    Die Diskussion über die Unterschiede und Gemeinsamkeiten der Wissenschaften gibt es doch überall. Es gibt sie zwischen Physikern und Chemikern (da mancher Physiker die Chemie für eine lediglich wenig mathematische Physik mit viel Auswendiglernen hält), zwischen Chemikern und Biologen (wo fängt Biologie an und hört Biochemie auf), zwischen Physikern, Chemikern und Mineralogen (ganz kompliziert wegen vielfältiger Überschneidungen und dennoch erheblich unterschiedlicher Ausrichtung) etc. Und dies sind alles „harte“ Wissenschaften.

    Wissenschaft zeichnet sich aus durch ihre Methodik, nicht durch ihr Subjekt. Diese Methodik ist weitgehend gleich und unterliegt den gleichen Standards, was die einzelnen Schritte der Wissensgewinnung angeht.

    Naturwissenschaftler glauben leicht, dass etwa Psychologie und Geisteswissenschaften zu „schwammig“ für eine harte Wissenschaft sind. Das ist aber eben eine Verkennung der Tatsache, dass man sich, was die Standards angeht, auf Augenhöhe bewegt und es darum kein Primat der harten Wissenschaften gibt. Im Gegenteil, gerade die Geisteswissenschaften und die Psychologie spielen eine ganz zentrale Rolle im Wesen unserer Welt, die von ständigem technischen Fortschritt gekennzeichnet ist. Eine Entdeckung und eine mögliche Anwendung allein sagen uns noch nicht, ob wir das Mögliche auch tun sollten. Wäre das nämlich allein durch Zahlen und Fakten bestimmt, dann wäre Dr. Mengele ganz pragmatisch ein Held, der wenige opferte, um viele zu retten.

    Aber nicht nur, weil auch andere Wissenschaften „wertvoll“ sind, sollte man mit einer Stimme sprechen, sondern weil es um das gemeinsame Anliegen geht. Zentraler Ankerpunkt jeder Wissenschaft ist die Wahrhaftigkeit. Daraus resultiert der automatische Vertrauensvorschuss, den jeder von uns genießt, wenn er etwas publiziert. Die Publikation wird ja im Peer-Review auf Plausibilität und Einhaltung der Standards geprüft, nicht komplett nachvollzogen. Mit anderen Worten: Man glaubt dem Wissenschaftler, solange er alle Fakten vorlegen kann, die seine Behauptung stützen.

    Ausnahmen, wie etwa die traurige „Kalte Kernfusion“, die umgehend laut hinterfragt wurde, ändern daran nichts. Aber gerade diese Ausnahme zeigen etwas ganz deutlich: Die Autoren haben sich damit praktisch ruiniert, obwohl wohl nicht mal eine Betrugsabsicht dahinter steckte. Sie haben es aber versäumt, sich genau zu überlegen, ob ihre Beobachtungen ausreichen, um damit an die Öffentlichkeit zu gehen.

    Herr Kubicki, der einen „moralischen Rigorismus“ in der Plagiatssucher-Gemeinde beklagt, versteht denn auch offensichtlich überhaupt nicht, wovon er redet. Es geht nicht um einen moralischen Rigorismus, sondern schlicht um das, was die Wissenschaft nicht dulden kann, nämlich die Verletzung der Selbstverpflichtung zur Wahrhaftigkeit. Ohne diese selbst auferlegte Aufrichtigkeit kann Wissenschaft nicht funktionieren, und jeder, der bewusst hiergegen verstößt, muss die Konsequenzen tragen.

    Das sollte das sein, was alle Wissenschaftler eint und wofür sie gemeinsam einstehen sollten. Wer sich scheinbare wissenschaftliche Meriten mit unlauteren Methoden verdienen will, schädigt die Wissenschaft nachhaltig, nicht nur in ihrem Ruf, sondern in ihrer Arbeitsfähigkeit. Eine Unterscheidung in harte und weiche Felder, bei deren einer Seite dies nicht so schlimm ist, ist unstatthaft und unredlich denen gegenüber, die dort forschen.

    Und genau darum ist es jetzt an der Zeit, die aufgekommene Diskussion nicht, wie sich das mancher wünscht, wieder im Sande verlaufen zu lassen. Die Folgen wären gravierender, als es die meisten glauben, die das alles als rein akademische Diskussion abtun wollen, denn dadurch entsteht sowohl materieller Schaden als auch eine Beschädigung zentraler Werte.

    • sreusch sagt:

      Vielen Dank für Ihren bereichernden Kommentar! Es stimmt natürlich, dass es nur eine Definition von „Wissenschaft“ und von der „wissenschaftlichen Methode“ gibt, aber tatsächlich kommt es vor, dass in einigen geisteswissenschaftlichen Disziplinen die wissenschaftliche Methode anders interpretiert wird. So wurde mir z.B. schon zugetragen, dass es nicht gerne gesehen wird, wenn in Haus- oder Abschlussarbeiten von manch angehenden Geisteswissenschaftlern neue Ergebnisse präsentiert werden, die auf wissenschaftlicher Basis erlangt wurden. Tatsächlich hat es sich hier teilweise so eingebürgert, dass bereits vorhandenes Wissen eher neu zusammen- oder nur umgeschrieben werden soll.

      Dies betrifft sicherlich nicht die gesamten Geisteswissenschaftler und es mag durchaus sein, dass es Einzelfälle sind, aber an diesem Beispiel kann man erkennen, dass man unter dem Wort „Wissenschaft“ auch mal etwas anderes verstehen kann.

      Nichtsdestotrotz muss man – wie Sie ja sagen – gemeinsam gegen Betrugsfälle in der Wissenschaft vorgehen, da solche ein Problem darstellen, welches schlussendlich alle Wissenschaftler betrifft – Völlig egal, ob „harte“ oder „weiche“ Wissenschaft.

    • ockham sagt:

      Sry, aber ich finde das reichlich ungenügend differenziert. Danach müssen wir wohl Theologie und Religionssoziologie auch als harte Wissenschaften bezeichnen?! Vielleicht sind sich auch einige Geisteswiss. nicht im Klaren darüber, wie hart und genau die Wahrheitskriterien in so mancher Naturwissenschaft sind. Ist auch schwer wenn man den Labor und Arbeitsgruppenbetrieb nie mitbekommen hat, beides kennt man in best. Geisteswiss. nicht

      Das Subjekt hängt nunmal in vielen Naturwissenschaften inhärent mit der Güte der Methodik zusammen abgesehen von den gleichen Idealen der Wissenschaftlichkeit in allen Disziplinen, neue Wahrheiten = neue Patente = hoher Anreiz für Wissenschaftler. Die meisten Berufsforscher sind in den Natur oder Humanwissenschaften, weil hier die Ergebnisse technologisch und ökonomisch umsetzbar sind. Das gibt es vielleicht gerade noch in der Soziologie, bei anderen Geisteswissenschaften wirds schon schwer solche Gütekriterien und Selbstreinigungsfaktoren zu finden. Die wachsende Redundanz kommt dazu.

      Aber wenn hier alle Geisteswiss. ins gleiche nivellierende Horn blassen wollen. Sie werden sehen wo sie damit landen. Wenn es denn Forschungsverbänden zuviel wird und weiter von ein paar Titelbetrügern die naturw. Titel diskreditiert werden, werden sie Druck machen wie bei Koch-Mehrin, den Titel gar nicht mehr im Namen führen zu dürfen, dann wird kaum noch jemand in Geisteswiss. promovieren und die jetztigen Titelträger haben Jahre umsonst geschuftet. Die Naturwiss. brauchen ihn sowieso meist nur für Bewerbung als Qualifikation, denen ist es grösstenteils egal und die nehmen das Risiko auch nicht in Kauf ihre Karriere in F&E in Industrie und Uni auf Spiel zu setzen wg. ein paar Plagiaten in einer 10 Jahre alten Diss.

      Wenn Leute wie Guttenberg oder Chatzi schon in der Einleitung plagiieren und nicht mit eigenen Worten eine Problemstellung formulieren können sondern nur redundantes wiedergeben, fragt ich mich, ob hier wirklich noch überprüfbarer Wissensfortschritt stattfindet. In Guttenbergs Arbeit war auf über 94% der Seiten redundante Plagiate (Man würde erwarten, dass zumindest 2 Seiten lang mal eigene Gedanken entwickelt werden in einer GEISTESwiss. Arbeit, aber eine Fussnote auf jeder Seite scheint schon wohl die Regel zu sein in vielen geistw. Diss.), die Prüfer hätten nicht einzelene nachweisen müssen, aber das Information, Thesen und Theorien veraltet und redundant sind muss auffallen. Trotzdem bekam er für das bislang redundanteste entlarvte Plagiat die Bestnote. Eine naturwiss. Arbeit mit dieser Redundanzquote wird nirgends publiziert werden können, da findet man schnell raus, ob solche Messungen schon mal gemacht wurden. Viel Glauben und Vertrauen in einzelne Personen ist da nicht nötig, da per se weniger Redundanz und die Suchmaschinen somit besser funktionieren. Paraphrasieren wird ja gerade in den Geisteswiss. genutzt, um die Suchmaschinen auszutricksen. Wie will man eine Suchmaschine füttern, wenn Leute wie Chatzi keine Anführungszeichen nutzen. Einfach LOL diese Dreistigkeit. Das die Anzahl der Titelfabriken für Geisteswiss. zugenommen hat mit dieser Redundanz will man scheinbar auch nicht sehen. Die Naturwiss. können bei diesem Problem riechlich wenig helfen und sind auch kaum betroffen davon…


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