Qualitätssicherung Doktortitel

Im Windschatten der Plagiatsfälle Guttenberg, Koch-Mehrin und Chatzimarkakis wurde in der Bloggerszene die Frage laut, ob man den Doktortitel nicht einfach ganz aufgeben sollte. Stefan Schleim stellt auf den Brainlogs die These zur Debatte, die Plagiatsaffären würden „fragwürdige Zustände in der wissenschaftlichen Ausbildung ans Tageslicht“ bringen und sieht in der Abschaffung des Doktortitels die Lösung. Auf den ScienceBlogs fragt sich Florian Freistetter, ob die Doktorarbeit als solche überhaupt notwendig ist. Schließlich könne man auch über die Summe der Veröffentlichungen die wissenschaftliche Leistung beweisen, die Voraussetzung für eine Anstellung in der Wissenschaft ist. Schließlich findet Lars Fischer in den Wissenslogs: „Der Doktortitel ist der Schnittpunkt einer ganzen Latte gesellschaftlicher und wissenschaftlicher Missstände, und deswegen sollte man die Gelegenheit nutzen, ihn mal sorgfältig unter die Lupe zu nehmen.“

Ich erhebe Einspruch.

Zunächsteinmal muss ich rechtfertigen, warum ich den akademischen Grad Doktor als Titel bezeichne. Die Begründung ist einfach: Es ist ein Titel. Es ist kein Titel im rechtlichen Sinn, denn das Gesetz nennt den Doktortitel einen akademischen Grad. Das sollte aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass dieser Grad in der Gesellschaft als Titel wahrgenommen und verwendet wird. Nach wie vor gibt es Doktoren, die darauf Wert legen, Herr/Frau Doktor Soundso genannt zu werden und es gibt Menschen, die diesen Wunsch respektieren. Es ist ähnlich, wie mit den Adelstiteln, die in der bundesdeutschen Rechtsprechung mit keinerlei Privilegien verbunden sind, aber dennoch oft genug als Anzeiger (also Titel) eines gesellschaftlichen Standes (mis)verstanden werden. Das können wir alle blöd finden. Ich halte es für einer Demokratie nicht angemessen. Aber es ist nun einmal Fakt, dass Doktor- und Adelstitel in gewissen Kreisen als gesellschaftliche Auszeichnungen empfunden werden.

Ich kann es gut nachvollziehen, wenn die Blogger fordern, den Doktortitel wie hier definiert abzuschaffen. Ich sehe aber nicht, wie das geschehen soll. Der erste Schritt wäre, die Eintragung des „Dr“ im Bundespersonalausweis nicht mehr zuzulassen. Dieser Schritt mag sinnvoll sein. Ich stelle mich dem nicht entgegen. Er löst aber nicht das Problem. Frau Koch-Mehrin und Herr Chatzimarkakis haben sich schließlich nicht ihre Personalausweise ans Revers geheftet. Sie haben die Buchstaben „Dr“ vor ihren Namen auf Wahlplakate drucken lassen. Man könnte dem nur entgegenwirken, indem man entweder die akademische Prüfung zum Doktor ganz abschafft, oder indem man Doktoren verbietet, ihre Titel außerhalb ihrer akademischen Tätigkeit schriftlich und mündlich zu erwähnen. Für letzteres sehe ich keine rechtliche Handhabe. Wo sollen wir da die Grenze ziehen? Wann handelt jemand akademisch und wann nicht? Welche Berufs- und Ausbildungsbezeichnungen darf man nennen und welche nicht? Soll es erlaubt sein, sich als Diplombetribswirt, nicht aber als Doktor vorzustellen?

Den akademischen Ausbildungsteil, der mit dem Verleihen der Doktorurkunde abgeschlossen wird, habe ich in meinem Leben als positiv und notwendig empfunden. Nach einem bestandenen Diplom- oder Masterstudium weiß man zwar, wie Wissenschaft funktioniert – das habe ich in meinem Blog bereits klargestellt – man hat aber noch nicht die Erfahrung gemacht, eine längere, eigenständige wissenschaftliche Leistung auf die Beine zu stellen. Genau das lernt man in der Promotion. Die eigene Doktorarbeit ist dabei meist etwas anderes als die Summe der veröffentlichten Fachpublikationen, denn man schreibt sie nicht gemeinsam mit Koautoren, sondern als Einzelperson. Man steht mit seiner ganzen wissenschaftlichen Persönlichkeit hinter dieser Arbeit.

In dem Gebiet, in dem ich promoviert habe, die Atomspektroskopie, ist es nicht möglich, Experimente alleine durchzuführen. Auf den Publikationen steht immer eine Reihe von Autoren, oft aus verschiedenen Arbeitsgruppen, von denen jeder und jede ihren Beitrag geleistet hat. Die Doktorarbeit dagegen ist eine Einzelarbeit, in der ein einzelner Wissenschaftler, eine einzelne Wissenschaftlerin darstellt, was er oder sie in den drei, vier letzten Jahren auf die Beine gestellt hat. Nicht ganz allein, aber federführend und unter ehrlicher Angabe aller fremder Vorarbeiten und Hilfestellungen. Für diese Leistung wird dem Kandidaten oder der Kandidatin dann die Doktorwürde verliehen. Darauf darf man ebenso stolz sein wie ein Handwerker auf sein Gesellen- oder Meisterstück. Wer aber daraus ableitet, zu einem höheren Stand aufgerückt zu sein, der offenbart einen schlechten Charakter und ein merkwürdiges Gesellschaftsbild. Guten Charakter kann man aber nicht verordnen, gegen Überheblichkeit hilft die Abschaffung eines akademischen Ausbildungsschrittes nicht.

Ich möchte mit dieser Verteidigung des Doktorgrades nicht leugnen, dass es Missstände gibt. Eine gewisse Abhängigkeit vom Betreuer, von der Betreuerin lässt sich nicht vermeiden, aber wo dieses Verhältnis ausgenutzt wird können wir einschreiten. Eine bessere Bezahlung von DoktorandInnen, die immerhin schon eine vollwertige Mater-Ausbildung hinter sich haben, müssen wir anstreben. Missstände machen Reformen notwendig. Für das Ziehen der Notbremse sehe ich keinen Anlass. Unser Ziel sollte es sein, die Qualität der Ausbildung aufrecht zu erhalten und schwarze Schafe aufzuspüren. Da sind wir auf dem richtigen Weg.


13 Kommentare on “Qualitätssicherung Doktortitel”

  1. ediederichs sagt:

    Ich habe diese Debatte bei Lars und Stephan verfolgt und im Moment halte ich eine ersatzlose Streichung ebenfalls für falsch: Viele Naturwissenschaftler erwerben ihre Promotion schrittweise durch Publikation in referred journals, so daß die Promotionsabeit am Ende mehr eine Verflüssigung ihrer bisherigen Publikationen ist. Aber viele Geisteswissenschaftler tun das nicht und auch in der Mathematik gibt es das gelegentlich, so daß die Promotionsarbeit am Ende oft die einzige „wissenschaftliche Äußerung“ eines nachwachsenden Wissenschaftlers ist. Wenn wir nun Lars Weg gehen und ein Zeugnis, statt eines Dr. vergeben und sonstige Verbesserungen vornehmen, kommen wir diesem Umstand zwar entgegen, aber letztlich ist die Frage doch, wer sich anpassen muß: Die Wissenschaft ihrer Bewertung durch die Gesellschaft und muß eher die Gesellschaft lernen, mit dem Dr. vernünftig umzugehen? Und würde sich das Spiel mit dem Dr.-Zeugnis nicht wiederholen? Höchstens wenn alle Fakultäten vergleichbare Publikationsfrequenzen haben, kann man den Dr. ersatzlos streichen. Eine bessere Gesellschaft hätten wir dadurch aber nicht, so daß ich diese Debatte im Moment ein wenig überflüssig finde.

  2. Dieser Satz ist falsch „Auf den ScienceBlogs fragt sich Florian Freistetter, ob die Doktorarbeit als solche überhaupt notwenig ist.“ Es geht mir nicht darum, dass man jetzt in der Ausbildung zum Wissenschaftler nicht mehr wissenschaftlich Arbeiten soll. Das wäre absurd. Es geht mir nur darum, nicht mehr einen ganzen Ausbildungsabschnitt, eine ganzen Lebensabschnitt auf diese zwei Buchstaben zu konzentrieren und reduzieren. Hab ich aber in meinem Artikel auch erklärt…

    • „Es geht mir nicht darum, dass man jetzt in der Ausbildung zum Wissenschaftler nicht mehr wissenschaftlich Arbeiten soll.“
      So habe ich dich auch nicht verstanden. Und so habe ich es auch nicht dargestellt.

      • Naja – du schreibst, ich würde die Notwendigkeit der Doktorarbeit anzweifeln. Das tue ich aber nicht. Ich zweifle die Notwendigkeit, gerade diese eine Arbeit besonders herauszustellen, besonders zu bezeichnen und für ihre Abfassung einen besonderen Titel zu verleihen.

  3. Dierk sagt:

    [Eine erweiterte Fassung dieses Kommentars findet sich nun hier.]

  4. dal sagt:

    Mein Eindruck ist, dass sich die kumulative Promotion immer mehr durchsetzen wird. IMHO eine zeitgemäßere Form der Doktorarbeit, die der heutigen Wissenschaftswelt angepasster ist (z.B. Göttinger Graduiertenschule für Neurowissenschaften und molekulare Biowissenschaften/GGNB).

  5. […] Qualitätssicherung Doktortitel […]

  6. Ralf Röhrig sagt:

    Ein paar Gedanken von mir dazu:

    Die Universitäten, die Profs und die Betreuer sind in der Pflicht für eine angemessene Qualitätssicherung zu sorgen. Unter dem Druck des Publikationszwangs zur Bemessung der Leistung und damit der Mittel-Aquise fällt das sicherlich nicht immer leicht, aber auch das akademische Leben ist eben kein Ponyhof! Plattformen und Initiativen wie Vroniplag erzeugen jetzt einen gewissen Gegendruck, der in die richtige Richtung zielt.

    Mir gehen diese Flachwasser Doktoren, die eine reine Literarutur-basierte Arbeit zu einer phantasielosen Abschreibeorgie degradieren auch auf den Senkel, aber ich erinnere mich noch genau daran, wie wir als Math.-Nat. – Nerds damals schon immer über die flachen Dissertationen z.B. der cand.med. (a la „über das Liebesleben der Pflastersteine“) gelästert haben.
    War halt nicht jeder so dämlich Jahre lang durch die Welt zu tingeln, um an den abgelegensten Orten Messzeit an Instrumenten zu ergattern, sich dabei Verletzungen zuzulegen, zigtausend Dollar Krankenhauskosten auf die private Kappe zu nehmen, weil der Drittel-Hiwi-Vertrag keine Auslandsdienstreisen deckte, dann in mühsamer Kleinarbeit Verfahren zu programmieren, zigtausend Spektren auszuwerten, Modelle zu rechnen und seine Ergebnisse dann mit korrekt zitierter Literatur vergleichend zu diskutieren. Aber man hatte ja wissenschaftlichen Ehrgeiz und wollte es in seinem Metier auch noch zu was bringen. Spätestens die katastrophalen Aussichten auf dem Post-Doc Markt und die Perspektiven im akademischen Mittelbau lassen einen paarungswilligen und Kinderliebenden Jung-Dr. dann endlich von dem akademischen Unterfangen ablassen.

    Nicht nur in der Politik, auch im harten Berater Leben draußen am deutschen Markt verschafft einem der Dr.-Titel einen zusätzlichen Respekt Nimbus. Der sich nochmals erhöht, wenn man in Kreisen von Betriebswirten und Verwaltungsjuristen auf einen Mathematisch-Physikalischen Background verweisen kann. Wobei ich denke, dass hier schon mehr zählt, dass man ihnen ein korrektes Verständnis der Grundlagen der Statistik voraus hat. Alles jenseits linearer Zusammenhänge erzeugt sowieso nur Schaudern.

    Im internationalen Projekten (außer Austria) ist der Titel kaum noch wichtig. Der PhD wird in akademisch gebildeten Kreisen zwar kurz gewürdigt, aber spätestens nach dem Tauschen der Visitenkarten ist in Taiwan, USA, Italien, Schweden oder Spanien das Thema durch und keiner schert sich mehr darum, wer am Tisch einen Dr. hat oder nicht, es zählt alleine die Kompetenz und der Sachverstand.
    Vielleicht kommen wir da in Deutschland auch noch hin.

    Im Privatleben kommt es mir auf den Titel nicht an, im Perso muss er auch nicht stehen, aber auf der Visitenkarte und der dienstlichen E-mail Signatur würde ich ihn nur ungern missen wollen. Um nicht mit den Flachdingenskirchnern in einem Topf zu landen, führe ich ihn dort aber immer unmissverständlich vollständig als Dr. rer.nat. !

    • ockham sagt:

      Das ist genau wie es ablaufen wird, der Dr. wird bei rechtschaffenen entwertet. Man muss wohl in Zukunft immer rer.nat. dazu sagen, wenn der Titel noch eine Qualifikation, aber kein Schimpfwort sein soll.
      Die naturw. Forschungsverbände wollten genau dem vorbeugen und haben Koch-Mehrin aus dem Amt gekickt, weil es ihnen zuviel wurde und sie sich den wiss. Nachwuchs nicht vergraulen wollen. Von Geisteswissenschaftlern hört man recht wenig in dieser Debatte, wie man gegen Plagiatindustrie, Doktorfabriken etc. vorgehen will….
      Schlimm nur das diese Betrüger dann auch noch Ministerien mit MIllionen-Etats leiten oder sogar die Bildungspolitik wie Hr. Althusmann, denn Dr. spar ich mir hier

      • Dierk sagt:

        Na ja, der Initiator dieses Blogs ist Linguist, was zu meiner Zeit bei den Geisteswissenschaften lief, Ali Arbia ist Politikwissenschaftler, ich selbst habe Anglistik/Amerikanistik, Soziologie und Philosophie studiert. Richtig ist natürlich, dass Naturwissenschaftler ganz andere Methoden haben, sehr viel mehr von Zahlen und präzisen, vor allem übereinstimmenden, Definitionen abhängen. Wir Geistes- und Sozialwissenschaftler benutzen zwar auch quantitative Werkzeuge, unser Ziel ist aber die qualitative Analyse. Da kann es schon mal zum „labern“ kommen.

        Leider waren die vier Jahrzehnte von 1960 bis zur Jahrtausendwende nicht eben gut zu uns, und daran waren wir selbst schuld. Postmoderne und so genannte Intertextualität [ja, doch, das gibt es] haben sich breit gemacht – alles ging, nur der Leser konstruiert den Text, der Autor hat nichts damit zu tun, Moby Dicks Hauptfigur ist ein kleiner fetter, grüner Zwerg … OK, wir wissen glaube ich alle, was ich meine. Alan Sokal hat das viel besser parodiert als ich.

      • ockham sagt:

        @dierk: Den geisteswiss. Bloggern hier rechne ich das auch an. Aber bisher wird die Schuld immer auf die einzelnen Betrüger geschoben. Gelegenheit macht Diebe. Prof. der Geisteswissenschaften die sich in Leitmedien mal Tacheles reden sind rar, immer nur posthum, wenn Vroniplag Fakten geschaffen hat meldet sich ein Pressesprecher. Die Uni Bonn hat sich da auch nicht mit Ruhm bekleckert.
        Vielleicht sollten die Geisteswiss. auch mal dazu übergehen, die Arbeiten in Englisch verfasssen zu müssen wie es in den Naturwissenschaften die Regel ist. Dann wird mehr gegengelesen. Aber auf solch naheliegende Vorschläge wartet man vergebens.
        Der Zeit-Artikel zu Althusmann legt ja auch nahe, dass sich die Geisteswiss. eine Redundanz durch diese Plagiate heranzüchten an der sie schlimmstenfalls am Ende ersticken werden. Suchmaschinen können keine paraphrasierten Plagiate enttarnen. Was spricht denn momentan noch dafür mit eine Magister in Philosophie bei der jetzigen Lage zu promovieren? Man gräbt sich das eigene Wasser ab

  7. Die Doktorarbeit dagegen ist eine Einzelarbeit, in der ein einzelner Wissenschaftler, eine einzelne Wissenschaftlerin darstellt, was er oder sie in den drei, vier letzten Jahren auf die Beine gestellt hat. Nicht ganz allein, aber federführend und unter ehrlicher Angabe aller fremder Vorarbeiten und Hilfestellungen. Für diese Leistung wird dem Kandidaten oder der Kandidatin dann die Doktorwürde verliehen. Darauf darf man ebenso stolz sein wie ein Handwerker auf sein Gesellen- oder Meisterstück.

    Ich denke, das sind wirklich die entscheidenden Kriterien, wie man diese Zwischendecke zur weiteren wissenschaftlichen Karriere fassen kann. Wer zuvor beschlossen hat, sein Glück in Parallelwelten zu finden, wird hier die Stellschrauben finden, an denen man drehen kann. Wer sich weiter in die akademische Ochsentour einreiht, hat hier seinen wirklichen Initiationsritus hinter sich.

    Wenn Joachim hier den „Doktor“ verteidigt, kann man ihm nur zustimmen. Es ist ein emotionaler Aufschrei gegen die Verluderung der Sitten, die sich in Plagiaten, Titelmühlen oder eben nicht ganz so strengen Messlatten in bestimmten Fachbereichen lebensweltlich etabliert haben.

    Viele Grüsse, Klaus

  8. […] Mein Kollege (Dr.) Joachim Schulz, der seinen Titel höchst selten trägt, hat es unlängst so formuliert: „Frau Koch-Mehrin und Herr Chatzimarkakis haben sich schließlich nicht ihre Personalausweise […]


Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s