… und führe mich nicht in Versuchung

Eine Studie in PoMo von Dierk Haasis (mit Gästen)

Was ist eigentlich ein Plagiat, und warum sollte es schlimm sein? Seit 30 Jahren recyclen wir Plastik, Glas, Papier, alles uninteressanter Schund verglichen mit den wichtigen geistigen Ergüssen von Studenten, Kandidaten, Doktoranden und Professoren. Dabei liest die meisten dieser Arbeit ohnehin nie wieder jemand. Da sollte es doch eine gute Idee sein, die besten Ideen und Formulierungen heraus zu picken und damit eigene Leistung zu emulieren.

Erwartet jemand, dass wir „Die Sonne ist rund“ als „Sonne, die rund ist“ schreiben, damit uns keine Suchmaschine findet? Was ist mit gleichen Sinnzusammenhängen, aber abweichenden Begriffen, Sätzen? Wenn wir Einsteins Relativitätstheorie durch andere Begriffe und Formelzeichen ersetzen, ist das ein Plagiat? Die Suchmaschine würde versagen. Aber ja: es wäre ein Plagiat.

So sieht die Welt doch aus, sie ist beschreibbar, in mathematischen Sprachen, in natürlichen Sprachen. Der Dichter findet den Rhythmus der Welt, der Physiker den Rhythmus des Universums. Und da die nun mal so sind, wie sie sind, ist es völlig egal, welcher Name unter diesen Rhythmen steht. Hauptsache alle wiegen sich mit.

Es ist kein Zufall, dass „geistiger Diebstahl“ ausgerechnet im Internet angeprangert wird. Hier herrscht eine intellektuelle Avantgarde, die dem Begriff des geistigen Eigentums sonst sehr feindlich gegenübersteht. GuttenPlag und VroniPlag bieten allen die anonyme Möglichkeit, beliebige Doktorarbeiten nach unausgewiesenen Zitaten zu durchsuchen. Damit der „Fall“ ins Netz gestellt werden kann, genügt es, dass zehn Prozent des Textes auf diese Weise als „Plagiat“ identifiziert werden.

In der Literaturwissenschaft nennt man das Zusammenkopieren – Entschuldigung: die Komposition – fremder Texte ohne Hinweis auf die eigentlichen Urheber Intertextualität. Zumindest wollen uns das einige Apologeten der Kopisten weis machen, z.B. Rafael Wawer oder Magnus Klaue (Der Herr heißt wirklich so). Natürlich gehen die Texte dieser Herren nicht völlig am Thema vorbei, es ist schon richtig, den Uneingeweihten zu erläutern, dass Fakten Allgemeingut sind. Allerdings geht es darum gar nicht.

Es gibt keine neuen Geschichten

Literatur im engeren Sinne – was wir so als Unterhaltung, gute Geschichten, aber eben nicht dokumentarisch sehen – funktioniert in gewisser Weise nicht anders als Wissenschaft: der Autor steht auf den Schultern von Riesen. Wir benutzen, was vor uns war und entwickeln daraus unsere eigenen Sicht der Welt. Anders als Wissenschaft ist Literatur aber nicht überprüfbar. Intertextualität entsteht, weil jemand einen ironischen Kommentar auf einen anderen Autor abgeben möchte, oder darauf verweisen möchte, wer ihn beeinflusst hat. Das ist das Gegenteil dessen, was Plagiatoren im Wissenschaftsbetrieb machen, die eben geheim halten wollen, von wem sie klauen.

Die Plagiatsjäger im Internet müssen nicht qualifiziert sein, sie müssen nur das Internet benutzen können. Sie müssen nicht einschätzen können, welchen Stellenwert Zitate in den unterschiedlichen akademischen Disziplinen haben. Sie müssen den Text, den sie durchsuchen, nicht geistig durchdringen, um die Bruchstücke zu finden, auf die allein es ihnen ankommt. Sie suchen nicht wegen der Sache, sie suchen auf gut Glück. In dieser Beliebigkeit sind sie nicht anders als die Plagiatoren, die sie bloßstellen. Beide sind Symptome einer Welt, in der die Denunziation über Erkenntnis und die Willkür über Wahrheit gesetzt wird.

Die ironische Verwendung fremder Textstellen oder Stile ist keine neue Entwicklung, sie war schon immer Teil der Literatur. Die Autoren gingen und gehen dabei davon aus, dass ihre Leser gebildet sind und wissen, was sie lesen. Wenn Vergil seine Aenaeis nach Vorbildern Homers baut, dann ist dies eine Referenz, die dem Werk eine Bedeutungsebene hinzufügt. Und Vergil vertraute darauf, dass seine Leser den indirekten Verweis bemerkten, also verzichtete er auf Fußnoten. Auch Dante durfte darauf vertrauen, dass seine Referenzen den Lesern bekannt waren, trotzdem explizierte er zumindest eine – Vergil.

Irgendwann, etwas vor der Moderne, wurde daraus ein Spiel, Autor und Leser standen im Wettstreit. Die Referenzen wurden obskurer, die zusätzlichen Bedeutungsebenen versteckten sich ein wenig – aber selten zu sehr, als dass Autor und Leser nicht triumphierend grinsen konnten. Wissenschaftliche Arbeiten sind aber keine Vexierspiel, bei denen der Autor voraussetzt, dass sein Romantitel dem Leser als Zeile aus einem Robert Burns bekannt ist.

Plagiate sind immer alte Ideen

In einer wissenschaftlichen Arbeit geht es zuerst einmal darum, einen Gedankengang jederzeit nachvollziehbar darzustellen. Was habe ich beobachtet? Welche Frage löste das aus? Gibt es bereits Antworten? Wenn ja, sind diese ganz oder teilweise falsch? Habe ich neue Nebenaspekte entdeckt?

Nicht jeder Schritt in einer Argumentation muss von einem selbst kommen, aber es muss immer klar sein, was von MIR ist und was andere – jene berühmte Riesen – beigetragen haben. Die allgemein anerkannten Zitierregeln, die jeder Student an einer Universität bereits im ersten Semester lernt, dienen dazu, es dem Leser einfach zu machen, die fremden Gedanken zu finden. Dabei sind die Unterschiede in den Konventionen übrigens sehr gering. Ob End- oder Fußnoten, im Text direkt angegeben, Kurzform mit eindeutigem Verweis auf die Bibliografie, Anführungszeichen, Blockeinrückung, Kursiv- oder Fettschrift – das spielt keine Rolle, sofern man alles zitierte und paraphrasierte deutlich kennzeichnet und all notwendigen Daten zur Auffindung bereit stellt.

Natürlich haben diese Konventionen nicht nur etwas mit rationaler Nachprüfbarkeit zu tun, es geht auch um Eitelkeit. Schließlich ist Anerkennung die Währung der Wissenschaft. Wer einen gut dotierten Job möchte, muss von den Kollegen anerkannt sein. Er muss zitiert werden, aber nicht plagiiert. Es geht tatsächlich auch ums Urheberrecht im engeren Sinne, nämlich um die Frage, wer etwas gefunden und gesagt hat. Die zugehörigen Nutzungsrechte sind in der Wissenschaft recht weit gefasst, das Zitat ist auch im Gesetz explizit erlaubt.

At mine unworthiness that dare not offer
What I desire to give, and much less take
What I shall die to want. But this is trifling;
And all the more it seeks to hide itself,
The bigger bulk it shows. Hence, bashful cunning!
And prompt me, plain and holy innocence!
I am your wife, it you will marry me;
If not, I’ll die your maid: to be your fellow
You may deny me; but I’ll be your servant,
Whether you will or no.

Schriebe ich unter jenen Text meinen Namen, schmückte ich mich mit fremden Federn. Hätte ich statt eines berühmten Autoren mit distinktem Stil, einen unbekannten Langweiler beklaut, würde es wohl niemand merken. Das machte es aber nicht richtig, es wäre immer noch schmücken mit fremden Federn. Der Plagiator stellt sich nicht auf die Schultern der Riesen, er stiehlt die Hosen und hofft, dass niemandem auffällt, dass sie für ihn viel zu groß sind.


4 Kommentare on “… und führe mich nicht in Versuchung”

  1. […] Intertextualität auf Wissenschaft trifft Ich durfte bei De Plagio noch mehr über Plagiate […]

  2. worlov sagt:

    „Die Plagiatsjäger im Internet müssen nicht qualifiziert sein, sie müssen nur das Internet benutzen können… Sie suchen nicht wegen der Sache, sie suchen auf gut Glück. In dieser Beliebigkeit sind sie nicht anders als die Plagiatoren, die sie bloßstellen.“

    Dasselbe hat eigentlich Chatzimarkakis bei „Anne Will“ gesagt…

  3. Plaqueiator sagt:

    uuhh. Da gefällt sich der Autor in der eigenen Wörterwolke. Eitles, selbstgerechtes Gewäsch.

  4. Plagiarism in a „family“ style
    How young ambitious capoes and soldiers from the Italian Institute of Technology (IIT) under supervision of a decrepit american don-godfather from Northwestern University are successfully completed their sequential plagiaristic enterprise: http://issuu.com/r_sklyar/docs/sklyarvsmussaivaldi


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