Stilfrage Plagiat?

Heute morgen in der Hamburger Mensa im Philturm gesehen:

Werbetext: Doktorarbeit abgeschrieben? Genauso clever wie gelbe Flecken auf Weiß.

Niveawerbung, Sommer 2011

Soll man sich freuen, dass das Plagiieren bereits als Beispiel für falsches Verhalten in die Popkultur eingegangen ist? Oder soll man sich ärgern, weil es auf eine Ebene mit einer trivialen Privatsache wie Deoflecken gestellt wird?


Titelhuberei

Wiederholt bin ich in den letzten Tagen auf das Wort Titelhuberei angesprochen und angeschrieben worden, das Krista Sager in ihrer Pressemeldung zur Streichung von Doktortiteln aus dem Personalausweis verwendet hat. Ob das ein neues Wort sei, wurde ich gefragt, was es genau bedeute und woher es komme.

In die aktuelle Debatte eingeführt hat dieses Wort, soweit ich herausfinden konnte, Bundesbildungsministerin (Hon.-Prof. Dr.) Annette Schavan, die es am Wochenende des 18./19. Juni gegenüber der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung verwendet hat: Ihrer Meinung nach sollte der Doktortitel „Ausdruck einer wissenschaftlichen Qualifikation und nicht ein Statussymbol oder Titelhuberei sein“.

Im SPRACHLOG weiterlesen…


Der Plan von der Abschaffung des Titels

Wir haben hier auf DE PLAGIO und in den mitwirkenden Blogs schon vor einer Woche darüber diskutiert, und jetzt entdecken die Grünen es als möglichen Stöpsel für das Sommerloch: Das Abschaffen von Doktortiteln. Die wissenschafts- und forschungspolitische Sprecherin der Grünen, Krista Sager, teilt auf ihrer Webseite mit, dass die Grünen einen entsprechenden Antrag (Drucksache Nr. 17/5195), bereits im Bundestag eingebracht haben.

Bevor ich diese Idee und deren Begründung näher diskutiere, fasse ich hier kurz die Sach- und Rechtslage zu akademischen Graden zusammen.

Akademische Grade werden von anerkannten Universitäten vergeben (heutzutage erst, nachdem eine entsprechende Akkreditierung vorliegt). Sie dürfen dann von ihren Inhabern öffentlich geführt werden — auf Visitenkarten und Briefpapier, auf Praxis- und Firmenschildern und natürlich auf Wahlplakaten. Das gilt nicht nur für den Doktorgrad, sondern auch für den B.A., den M.A., den Dipl. usw. Den Rest des Beitrags lesen »


Jürgen Schönstein: Bekenntnisse eines „Plagiators“

Jürgen Schönstein schreibt in Geograffitico zum Thema „Bekenntnisse eines Plagiators“:

Und damit meine ich mich. Und nein, dies ist keines dieser vorauseilenden, händeringenden Mea-culpa-Geständnisse, sondern lediglich meine persönliche Reflexion zum Thema „Abschreiben“, in die ein Vierteljahrhundert journalistischer Tätigkeit einfließen – eine lange Zeit, in der auch ich zumindest einmal öffentlich als Plagiator bezeichnet wurde.

Aber ehe ich auf dieses Beispiel (und noch ein paar andere Anekdoten aus meinem Berufsleben) eingehe, will ich doch erst mal eine generelle Kritik loswerden: Ich denke nicht, dass „Plagiat“ der richtige Begriff ist für die Verfehlungen der Guttenbergs, Koch-Mehrins, Pröfrocks, Chatzimarkakis‘ und wie sie sonst noch heißen mögen. Ich lehne mich hier mal weit aus dem Fenster, aber meines Wissens sind Quellennachweise und Zitiervorschriften in der Wissenschaft nicht dazu gedacht, irgend ein „geistiges Eigentum“ eines Autors zu schützen – es geht primär darum, die Herkunft von Daten und Erkenntnissen transparent zu machen, damit man sie gegebenenfalls prüfen oder in ihrer Entstehung nachvollziehen kann.

Den Rest des Beitrags bei GEOGRAFFITICO lesen…


Kaum mehr als ein Satz pro Tag…

Eigentlich wollte ich mich zu den ganzen Plagiats-Affären erst mal nicht mehr äußern, da eigentlich schon alles geschrieben wurde und es mit DE PLAGIO inzwischen ja sogar ein Scilogs-ScienceBlogs-Blogprojekt zur Thematik gibt. Beim gestern entschiedenen Fall von Jorgo Chatzimarkakis geht mir allerdings eine Frage nicht mehr aus dem Kopf…

Wie Chatzimarkakis selbst eingeräumt hat, bestand sein „Versäumnis“ nicht darin, die Quellen gar nicht zu nennen, sondern vielmehr darin, dass in sehr vielen Fällen nicht kenntlich gemacht wurde, dass es sich um ein Zitat handelt, so dass der Leser davon ausgehen musste, dass hier zumindest eine sprachliche Eigenleistung des Autors vorliegt, die sich wiederum inhaltlich auf andere Quellen stützt. Ein solches Vorgehen ist eine klare wissenschaftliche Fehlleistung, die man auch mit dem Verweis auf Oxford- oder andere Zitiertechniken, die einen so leichtfüßigen Umgang mit Quellen vermeintlich gestatten (in Wirklichkeit ist dies natürlich keineswegs der Fall) nicht wieder ausbügeln kann.

Bei FRISCHER WIND weiterlesen…


Wo ist die Stelle aus der Quelle? Chatzimarkakis Doktortitel ist weg!

Ein guter Tag für die Wissenschaft. Er hat es nicht glauben wollen, aber nun ist der Doktortitel von Jorgo Chatzimarkakis weg. Die Universität Bonn hat nun auch offiziell festgestellt, was man schon seit langem auf VroniPlag selbst nachprüfen konnte: Chatzimarkakis hat Texte fremder Autoren plagiiert. Aber so wie die bisher des Plagiats überführten Politiker scheint auch Chatzimarkakis nicht wirklich der Meinung zu sein, er hätte etwas falsch gemacht.

Bei ASTRODICTICUM SIMPLEX weiterlesen…


Ein guter Tag für die Wissenschaft

Die Universität Bonn hat also entschieden: Chatzimarkakis’ Doktorgrad ist weg. Und außer dem Enttitelten selbst dürfte das auch niemanden ernsthaft überraschen.

Er hat sich viel Mühe gegeben, öffentliche Verwirrung um seinen Fall zu stiften. Das Herumwerfen mit den Namen vermeintlicher Eliteuniversitäten, seine gebetsmühlenartig wiederholte (aber deswegen trotzdem falsche) Behauptung, in seiner Dissertation gebe es „keine Stelle ohne Quelle“, seine mit bildungsbürgerlichem Angebervokabular („Tyrannis“) gespickten Vorwürfe gegen die Plagiatsdokumentare von VroniPlag, die dunklen Andeutungen in Anne Wills Talkshow, dass diese Plagiatsdokumentation „öffentlichen Druck“ auf die Universitäten erzeuge, dem diese sich dann nicht entziehen könnten, seine Koch-Mehrinschen Angriffe auf den eigenen Doktorvater, der doch seine Arbeit hätte besser machen müssen, und natürlich seine mehrfach geäußerte Hoffnung, die Universität Bonn könnte ihm tatsächlich den Doktorgrad lassen — man wusste nicht, ob das alles kalkulierte Rückzugsgefechte waren, um irgendwie mit dem Titel nicht auch das Gesicht zu verlieren, oder ob Chatzimarkakis’ Unverständnis von Integrität, Anstand und Wissenschaft tatsächlich so tiefgehend ist, dass er selbst an all das glaubt, was er da von sich gibt. Den Rest des Beitrags lesen »


Dr. Polygrafs Auf- und Abtritt

„Hundeherz“ von Michail Bulgakow ist meine Buchempfehlung für den Sommer. Für das Loch in das man unfreiwillig fällt. Aktuell ist daran gewiss nicht das Thema Eugenik, die Verbesserung der menschlichen Art, um die es zunächst dem Protagonisten des Buches, Professor Filipp Filippowitsch Preobashenskij, geht. Obschon es uns einige glauben machen wollen, hat diePräimplantationsdiagnostik in seiner jetzigen Form aber auch gar nichts mit Eugenik zu tun.

Das Buch ist aktuell, weil der eugenische Versuch von Filipp Filippowitsch spektakulär fehlschlägt. Durch die Transplantation einer menschlichen Hypophyse in ein Hundehirn wird aus dem Hund Bello Herr Bellow. Den neuen Namen lässt Bello, Verzeihung, Herr Bellow, sich auch gleich in seine Papiere eintragen. Das „w“ wird zum Namenszusatz, der nun in voller Länge Polygraf Polygrafowitsch Bellow lautet. Namen schmücken, sind diesmal sogar Programm. Der Ploygraph: ein Verweis auf eine Vielzahl von Stilrichtungen und die Vervielfältigung von Schriften. Aber auch auf den Lügendetektor.

Bei GRAUE SUBSTANZ weiterlesen…


Brief einer Mutter an Frau Koch-Mehrin

Ute Gerhardt hat einen Brief an Frau Koch-Mehrin geschrieben, in dem sie eine einfache Frage stellt.

Es würde uns aber ausgesprochen wundern, wenn sie eine einfache Antwort erhielte.

Oder überhaupt eine Antwort.


General Verdacht und die Kleingeistigen

Es ist so einfach, auf der FDP rumzuhacken. Die sind klein, tragen Mama Merkel das Täschchen hinterher, haben schon in der Wiege langweilige, dunkelblaue Anzüge getragen. Silvana Koch-Mehrin natürlich nicht, die trug einen blauen Rock zu heller Bluse mit um den Hals geschlungenen Designer-Pullover. Zumindest sahen die Pendants der gegenwärtigen Funktionärsriege der FDP damals bei uns in der Schule so aus.

Es ist eigentlich nicht in Ordnung, schwächere zu piesacken, sie zu verprügeln. Aber FDP-Politiker schreien im Moment danach. Es geht mir dabei nicht um deren krude Gesellschaftssicht, den religiösen Wahn, alles wäre besser, wenn es nur vom “Staat” fern gehalten würde oder der miserablen Außenpolitik. Was aber ist von einer angeblich liberalen Partei zu halten, deren prominente Mitglieder die Basis freiheitlichen Handelns en passant aufkündigen?

Bei ES BLEIBT SCHWIERIG weiterlesen…


Lauter Unschuldige

In Jim Jarmuschs „Down by Law“ gibt es eine Szene, an die ich in den lezten Tagen wiederholt denken muss. Bob (Roberto Benigni) wird in eine Zelle mit Jack (John Lurie) und Zack (Tom Waits) gesperrt und es entspinnt sich folgender Dialog:

Bob: Warum bist du in diesem Gefängnis?
Jack: Keine Ahnung. Voodoo oder so was. Man hat mich reingelegt. Ich bin vollkommen unschuldig, verstehst du?
Bob: Ja, du bist ein Unschuldiger, ich verstehe. Und du, mein Freund Zack, warum bist du hier?
Zack: Eine abgekartete Sache. Wie bei Jack. Ich bin ein Unschuldiger.
Bob: Ich verstehe. Du bist auch ein Unschuldiger.
Zack: Und du, Bob? Warum bist du in diesem Gefängnis?
Bob: Ich? Ich habe einen Mann getötet.

Die dieser Tage enttarnten Plagiator/innen haben alle eins gemeinsam: Sie sind alle Zack und Jack. Sie sind unschuldig. Sie haben keine Ahnung, was man ihnen vorwirft. Sie sind reingelegt worden. Den Rest des Beitrags lesen »


Kriechende Vernetzung als politische Metapher – reply to Anke Domscheit-Berg

Lange war SciLogs.de ein wenig isoliert in der blogosphäre und daher nicht nur wenig sichtbar, sondern auch wenig wirksam. Inzwischen hat sich aber einiges getan in der bloggerszene: Nicht nur das SciLogs.de und scienceblogs.de über die gemeinsame Initiative DE PLAGIO zusammen- gewachsen sind – eine Kooperation, die man nur als „vorzüglich“ bezeichnen kann – es bahnen sich inzwischen auch Kontakte zu anderen netz-basierten Bewegungen wie z.B. Open Government an, was uns daran erinnert, daß die bloggerszene als Aktuatoren im öffentlichen Raum eines nicht vermeiden können – politisch zu sein.

Bei MIND AT WORK weiterlesen…


Blenderrepublik Deutschland?

Ein Gastbeitrag von Anke Domscheit-Berg (opengov.me)

Die Blender-Republik – wie weit kommt frech? –  unter diesem Titel habe ich am 3. Juli 2011 an der Gesprächsrunde von Anne Will teilgenommen. Neben einem ehemaligen Hochstapler (Harksen), einem Politikberater (Spreng) und einem Adligen, der seinen Grafentitel aus Bescheidenheit und Praktikabilität nicht nutzt (Quadt) saß als vierter Herr im Bunde Jorgo Chatzimarkakis, der uns im Europäischen Parlament als Volksvertreter repräsentiert, Mitglied der FDP ist und wie es aussieht, auf 70% der Seiten seiner Doktorarbeit plagiiert hat.

Meine Rolle wurde durch die Einblendung unter meinem Namen klargestellt: „überzeugte Internetanhängerin“. Ja, das bin ich, auch wenn ich das eine eher merkwürdige Art finde, mich vorzustellen. Das Internet ist für mich ein großartiges Werkzeug, das Brücken bauen und Netze knüpfen kann, die größten Distanzen auf der Welt in Millisekunden überwindet, uns allen das geballte Wissen der Welt erreichbar machen könnte. Aber noch heute verstecken sich Mitglieder der wirtschaftlichen und politischen Elite eines jeden Landes hinter virtuellen Mauern, die sie schützen vor dem genauen Blick der Bürger. Mit dem Internet kann man diese Mauern einreißen, mit größeren Wirkungen als das Verschwinden des Eisernen Vorhangs. Es verändert unsere Gesellschaft wie seinerzeit vielleicht die Erfindung des Buchdrucks – überall auf der Welt.

Die Potenziale sind großartig, unsere Welt kann ehrlicher und gerechter werden, wenn der Zugang zu Informationen freier und gleicher verteilt ist, wenn Scheinwerfer die schwarzen Schafe ins Licht rücken, wenn Blender und Betrüger als das entlarvt werden können, was sie sind: Menschen, die ihre Moral danach ausrichten, wie sie am besten ihre eigenen Interessen schützt. Dafür gibt es viele Beispiele, einige davon haben mit der Erschleichung von Doktortiteln zu tun. Ja, in gewisser Weise ist Deutschland eine Blenderrepublik, zumindest in einigen Kreisen, da kommt man mit Doktor weiter als ohne und man verdient auch noch €10.000 durchschnittlich mehr im Jahr. Wer keine Zeit für eine Doktorarbeit hat oder kein Talent, oder wem es an beidem mangelt, der bedient sich am freien Markt und kauft sich einen Titel oder aber er schreibt ab und reicht ein Copy-Paste-Meisterwerk als Doktorarbeit ein – oft der Anfang für eine Karriere mit ausgerolltem roten Teppich. Den Rest des Beitrags lesen »


„Sie haben mich sicher nicht wegen meines Doktortitels gewählt“

Matthias Pröfrock, ein CDU-Landtagsabgeordneter in Baden-Württemberg, musste seinen Doktortitel abgeben. Wie die Universität Tübingen sagt, hat er „in nicht unerheblichem Maße“ fremde Texte abgeschrieben und als seine eigene geistige Leistung ausgegeben. Und was macht Herr Pröfrock nun? Legt er sein Mandat nieder?

Bei ASTRODICTICUM SIMPLEX weiterlesen…


Offener Brief in der Causa Jorgo Chatzimarkakis

Ein Gastbeitrag von Jan Rosenow

In der Anne-Will-Sendung from 3. Juli 2011 hat Herr Chatzimarkakis eine Erklärung für seine Art des Zitierens geliefert: Das habe er in Oxford so gelernt, da formuliere man irgendwie anders. Und dieses ganze Einrücken und Zitieren sei ja auch sperrig, irgendwie.

Chatzimarkakis behauptet also, dass die Art und Weise, wie er in seiner Promotion zitiert, in Oxford ganz normal sei. Als Oxforder Doktorand im 2. Jahr meiner Promotion hat mich diese Aussage gewundert. Hier wird, wie an jeder anderen Uni in England und in der Welt auch, mit international anerkannten Zitiersystemen gerarbeitet (z.B. Harvard-System oder Chicago-System). Jeder Studierende im ersten Semester bekommt das beigebracht, ob in Oxford oder anderswo. Die Anwendung der Chatzimarkakis-Methode kann im Zweifelsfall zum Verweis von der Uni führen. Vielleicht hätte Herr Chatzimarkakis sich vor seinem Kommentar hier informieren sollen.

Besonders in England wird sehr viel wert auf das Vermeiden von Plagiarismus gelegt – als ich meinen Master in London begonnen habe, wurde uns von Anfang an mehrfach eingebläut, dass so etwas mit Ausschluss aus der Uni bestraft werden kann. Mich hat es schon fast genervt, ich hatte das immer für selbstverständlich gehalten.

Mittlerweile habe ich einen offenen Brief an Dr. Philipp Rösler, Bundesparteivorsitzender der FDP verfasst:

www.openpetition.de/petition/online/offener-brief-zur-causa-jorgo-chatzimarkakis

Ich bitte darum, diesen Brief weiter zu verbreiten und zu unterzeichnen.