Der Fall Althusmann: Eine Einschätzung

Im Juli habe ich mich in einem kurzen Beitrag mit dem Fall des niedersächsischen Bildungsministers Bernd Althusmann befasst und angekündigt, mich nocheinmal näher damit zu befassen. Das möchte ich heute kurz tun.

Zur Erinnerung: Althusmann geriet durch ein von der ZEIT in Auftrag gegebenes Gutachten unter Verdacht, bei seiner mit „ausreichend“ bewerteten Dissertation an der Universität Potsdam massiv plagiiert zu haben. Die Vorgeschichte (mit Links zum Gutachten und den relevanten ZEIT-Artikeln) findet sich in meinem Beitrag vom Juli. Ende Juli setzte die Universität Potsdam eine Kommission ein, die die Vorwürfe prüfen soll und auf deren Urteil wir nun warten (die Themenseite auf Spiegel Online liefert einen guten Überblick über die Geschehnisse).

Ich kann natürlich nicht vorhersagen, wie die Potsdamer Kommission entscheiden wird, aber nachdem ich mich mit dem ZEIT-Gutachten ausführlich beschäftigt habe, kann ich immerhin eine  Einschätzung des Falles abgeben, von der ich denke, dass sie nicht völlig anders ausfallen wird. Den Rest des Beitrags lesen »


Plagiatoren sind noch nicht einmal Flachforscher

Martin Spiewak hat in der Zeit einen Artikel zu medizinischen Doktorarbeiten geschrieben und dabei einiges durcheinander gebracht. Dabei sind die Sachaussagen eigentlich richtig und es ist durchaus angebracht, über die Qualität medizinischer Doktorarbeiten zu streiten.

Die Fakten scheinen klar. Unter den Medizinern promovieren etwa zwei Drittel aller Absolventen. Viele offenbar mit recht mageren Arbeiten, die in Naturwissenschaften nichteinmal als Diplomarbeit anerkannt würden. Aus der Sicht von Natur-, Gesellschafts- und Geisteswissenschaftlern tragen viele Ärzte ihren akademischen Grad zu Unrecht. Sie haben keine besondere wissenschaftliche Leistung erbracht, die die Verleihung eines wissenschaftlichen Titels rechtfertigt. Den Rest des Beitrags lesen »


Chatzimarkakis Dissertation aus fachlicher Sicht

Das Chatzimarkakis über weite Strecken abgeschrieben hat wissen wir inzwischen. Deshalb wurde ihm auch sein Doktortitel aberkannt. Aber wie steht es eigentlich um die fachliche Beurteilung und hätte man es merken müssen, dass bei der Hälfte der Arbeit abgeschrieben wurde?  Da er seine Arbeit in Internationalen Beziehungen schrieb und noch dazu die Welthabdelsorganisation darin eine prominente Rolle einnimmt, habe ich sie mir bei mir im Blog einmal genauer angeschaut. Schliesslich ist das meine Spezialisierung. Das Resultat war ernüchternd. Hier geht es weiter zum Artikel.


Der VroniPlag-Gründer outet sich – was nun?

Gestern hat sich der VroniPlag-Gründer goalgetter im SPIEGEL öffentlich geoutet und DE PLAGIO, Themenblog zum Kampf gegen Plagiate, hat hier prompt reagiert: Anatol Stefanowitsch argumentiert dafür, daß es besser gewesen wäre, wenn goalgetter seine Anonymität gewahrt hätte. Ich bin nicht seiner Meinung und argumentiere dafür, daß wir nun eine neue Chance haben, die Gesellschaft in einem übertragenen Sinne wissenschaftlicher zu machen.

Bei MIND AT WORK weiterlesen…


VroniPlag und der Jäger der Toren

Gestern hat der Gründer der kollaborativen Plagiatdokumentation VroniPlag, bislang unter seinem Pseudonym Goalgetter bekannt, in einem Interview mit Spiegel Online seine bürgerliche Identität preisgegeben, nachdem in verschiedenen Internetforen sein Klarname genannt und er daraufhin von einem BILD-Reporter kontaktiert worden war.

Das war eine schlechte Idee, und zwar aus zwei Gründen: erstens, weil er seinen Gegnern — die im wesentlichen, aber nicht ausschließlich, aus den von VroniPlag enttarnten Betrüger/innen bestehen — damit eine Angriffsfläche bietet, zweitens, weil es nun schwerer wird, einer auf Personen und Persönlichkeiten fixierten Gesellschaft zu erklären, woher VroniPlag und das Vorläuferprojekt GuttenPlag ihre Autorität beziehen. Den Rest des Beitrags lesen »


… und führe mich nicht in Versuchung

Eine Studie in PoMo von Dierk Haasis (mit Gästen)

Was ist eigentlich ein Plagiat, und warum sollte es schlimm sein? Seit 30 Jahren recyclen wir Plastik, Glas, Papier, alles uninteressanter Schund verglichen mit den wichtigen geistigen Ergüssen von Studenten, Kandidaten, Doktoranden und Professoren. Dabei liest die meisten dieser Arbeit ohnehin nie wieder jemand. Da sollte es doch eine gute Idee sein, die besten Ideen und Formulierungen heraus zu picken und damit eigene Leistung zu emulieren.

Erwartet jemand, dass wir „Die Sonne ist rund“ als „Sonne, die rund ist“ schreiben, damit uns keine Suchmaschine findet? Was ist mit gleichen Sinnzusammenhängen, aber abweichenden Begriffen, Sätzen? Wenn wir Einsteins Relativitätstheorie durch andere Begriffe und Formelzeichen ersetzen, ist das ein Plagiat? Die Suchmaschine würde versagen. Aber ja: es wäre ein Plagiat. Den Rest des Beitrags lesen »


Dünne Bretter und dicke Bücher

In den Diskussionen um plagiierte und teilplagiierte Doktorarbeiten sowie den Wert eines Doktortitels an sich wurde und wird immer wieder das Argument bemüht, dass die Anforderungen an Dissertationen sehr unterschiedlich sein können. Besonders medizinische Doktorarbeiten werden dabei als minderwertige „Dünnbrettbohrarbeiten“ abgetan. Die daraus abgeleiteten Schlussfolgerungen sind unterschiedlich. Zum einen wird auf die gesellschaftliche Ungleichheit hingewiesen, die die Existenz von öffentlich getragenen Titeln erzeugt, andererseits die wissenschaftliche Entwertung des Doktorgrades beklagt. Ein Beispiel für ersteres findet sich in einem Posting aus dem Blog Bruchpfau:

Ein Arzt ohne Doktortitel ist seitens der Gesellschaft oft nur ein halber Arzt. Dies führt dazu, dass die meisten Medizinstudenten sich gezwungen fühlen zu promovieren. Das wiederum hat an den meisten Unis zur Folge, dass Mediziner oftmals nur die Hälfte an Text einzureichen brauchen als beispielsweise Geisteswissenschaftler. Die Universität Magdeburg zum Beispiel gibt für Mediziner ein Maximum von 60 Seiten vor. Ein Geisteswissenschaftler würde dies lediglich als Seminararbeit werten. […] Das Guttenberg-Syndrom scheint sich zu einem festen Bestandteil in unserer Welt zu manifestieren, wohl aber auch die Tatsache, dass offenbar kaum jemand sich die Mühe macht, darüber nachzudenken, warum es überhaupt da ist und wie es entstehen konnte. [Julia Jung: Das Guttenberg-Syndrom – Eine Folge unseres Leistungsbegriffs?!, 27.6.2011]

Diese Argumentation soll wohl das Gewicht eines Betruges in diesem Bereich relativieren oder, etwas raffinierter, die Motivation zum Erwerb eines Doktorgrades gesellschafts- und wissenschaftskritisch beleuchten: Der Druck der Gesellschaft auf bestimmte Berufsgruppen, mit einem Doktortitel aufzuwarten führe zu der Verlockung, sich einen solchen zu erschleichen. Den Rest des Beitrags lesen »