Lauter Unschuldige

In Jim Jarmuschs „Down by Law“ gibt es eine Szene, an die ich in den lezten Tagen wiederholt denken muss. Bob (Roberto Benigni) wird in eine Zelle mit Jack (John Lurie) und Zack (Tom Waits) gesperrt und es entspinnt sich folgender Dialog:

Bob: Warum bist du in diesem Gefängnis?
Jack: Keine Ahnung. Voodoo oder so was. Man hat mich reingelegt. Ich bin vollkommen unschuldig, verstehst du?
Bob: Ja, du bist ein Unschuldiger, ich verstehe. Und du, mein Freund Zack, warum bist du hier?
Zack: Eine abgekartete Sache. Wie bei Jack. Ich bin ein Unschuldiger.
Bob: Ich verstehe. Du bist auch ein Unschuldiger.
Zack: Und du, Bob? Warum bist du in diesem Gefängnis?
Bob: Ich? Ich habe einen Mann getötet.

Die dieser Tage enttarnten Plagiator/innen haben alle eins gemeinsam: Sie sind alle Zack und Jack. Sie sind unschuldig. Sie haben keine Ahnung, was man ihnen vorwirft. Sie sind reingelegt worden.

Georgios Chatzimarkakis ist im Moment der Unschuldigste von allen. Er habe doch beim Zitieren nur „die Regeln geändert“ um seine Arbeit „lesbarer“ zu machen. Außerdem seien seine Betreuer schuld an der Plagiatsaffäre, denn die hätten ihn „durchgewunken“ obwohl sie wussten, „dass seine Arbeit nicht den wissenschaftlichen Gepflogenheiten entspricht“. Er findet außerdem, dass zu Guttenberg mit seinem Rücktritt seinerzeit „die Preise versaut“ habe — dessen Rücktritt sei zwar richtig gewesen, aber die Menschen glaubten nun, jeder, der „es mit seiner Doktorarbeit nicht so genau genommen“ habe, müsse zurücktreten. Die Universität Bonn, das scheint Chatzimarkakis ernsthaft zu glauben, wird erkennen, dass er ein unschuldiges Opfer seines Doktorvaters geworden ist und ihn am Mittwoch, wenn sie ihre Entscheidung über den Entzug seines Doktorgrades treffen will, von jeder Schuld freisprechen.

Matthias Pröfrock, der den Entzug seines akademischen Grades durch die Universität Tübingen bereits hinter sich hat, findet ebenfalls, dass zu Guttenbergs Rücktritt richtig war und begrüßte diesen seinerzeit auf seiner Facebookseite ausdrücklich:

Ich bedaure den Rücktritt von Karl-Theodor zu Guttenberg. Er hat als Verteidigungsminister exzellente Arbeit geleistet und die Grundlagen dafür gelegt, dass die Bundeswehr sich in zukunftsfähige Strukturen hineinentwickeln kann. Der Rücktritt war folgerichtig und konsequent. Ich habe großen Respekt vor diesem Schritt und dem Menschen Karl-Theodor zu Guttenberg. Ich würde mich freuen, wenn zu Guttenberg der deutschen Politik nicht verloren geht, sondern mit einigem Abstand eine zweite Chance erhält. [Pröfrocks Facebookseite am 7. April 2011, der Beitrag ist inzwischen gelöscht]

Er selbst ist aber unschuldig, er hat höchstens kleine Fehler gemacht: „Für mein wissenschaftliches Fehlverhalten stehe ich ein und trage die Verantwortung für die Fehler, die ich gemacht habe, indem ich nicht alle fremden Textstellen in meiner Dissertation korrekt gekennzeichnet habe“ schrieb er am 6. Juli 2011 auf seiner inzwischen komplett vom Netz genommenen nur teilweise verfügbaren Webseite. Eine Täuschungsabsicht hatte er natürlich nicht, und es sei ein „harter Schlag“ für ihn, dass seine Doktorarbeit „nach Auffassung der Universität wissenschaftliche Standards nicht erfüllt“:

Den Wählerinnen und Wählern, die mir bei der Landtagswahl das Direktmandat anvertraut haben, verspreche ich, alles daran zu setzen, verloren gegangenes Vertrauen wiederzugewinnen. Ich werde weiter engagiert und konstruktiv für das Wohl meines Wahlkreises und seiner Bürgerinnen und Bürger arbeiten. [Pröfrocks Webseite]

Auch Veronika Saß, der die Universität Konstanz schon Mitte Mai den Doktorgrad aberkannt hat und um die es, da sie kein politisches Amt innehat, relativ ruhig war, hält sich offenbar für ein Opfer von Voodo oder sowas, denn sie hat gegen den Entzug der Doktorwürde Widerspruch eingelegt.

Und Silvana Koch-Mehrin macht es noch geschickter als ihre Kollegen: Sie beteuert ihre Unschuld, indem sie schweigt. Und schweigt. Und schweigt. Kein Wort auf ihrer Webseite, kein Wort zur Presse.

Ich weiß nicht, was wir tun können, um gegen diese surrealistischen Unschuldsillusionen anzugehen. Die Taten der Betrüger sind detailliert und für jeden nachlesbar auf VroniPlag dokumentiert. Promotionsausschüsse, Fakultätsräte und andere universitäre Gremien haben diese Taten mit wissenschaftlicher Sorgfalt nochmals geprüft und ummissverständliche Konsequenzen daraus gezogen. Das gesamte politische Spektrum der Qualitätspresse unseres Landes, von Frankfurter Rundschau und Zeit über die Süddeutsche bis zur Frankfurter Allgemeinen Zeitung veröffentlich Artikel, die mich wegen ihrer kompromisslosen Klarheit und Prinzipientreue mit allem Versöhnen, was sie sonst so tun.

Aber trotz alldem erlahmt die öffentliche Empörung. Unsere Petition für den Rücktritt von Silvana Koch-Mehrin krebst seit deren Rückzug aus dem Forschungsausschuss des EU-Parlaments bei fünf bis zehn Mitzeichnungen pro Tag, sodass bis zum Mitzeichnungsende in der nächsten Woche nicht einmal symbolische 10 000 Mitzeichungen erreicht sein dürften. Der offene Brief an Georgios Chatzimarkakis hat bislang nicht einmal 500 Unterschriften erhalten. Tobias Bunde, der sich seinerzeit zentral für den offenen Brief der Doktorand/innen in der Causa Guttenberg stark gemacht hat, berichtet mir, dass die dazugehörige Facebook-Seite mit jedem Beitrag zum Thema Plagiate ein paar „Likes“ einbüßt, was er darauf zurückführt, dass das Thema den Leuten langsam aber sicher auf die Nerven geht. Unser Blog DE PLAGIO verzeichnet zwar erfreuliche Zugriffszahlen und wir alle bekommen auch per E-Mail viel Lob und interessante Anregungen, aber wir haben es noch nicht geschafft, in der Blogsphäre eine breite Diskussion in Gang zu setzen.

Das macht mich noch nicht mutlos. Mir ist klar geworden, dass die Sache der wissenschaftlichen Ehrlichkeit eine ist, für die man langfristig kämpfen muss, und ich bin bereit, das zu tun.

Aber es macht mich ratlos. Im Internet tummeln sich meiner Erfahrung nach tendenziell mehr kluge und zum Handeln bereite Menschen als anderswo (wenigstens dann, wenn das Handeln vollständig online erfolgen kann). Wenn wir deren Aufmerksamkeit nicht halten können, sehe ich für den Rest des Landes erst recht keine Chance. Und wenn die Aufmerksamkeit erlischt, schwindet damit jede Chance, die dreisten Dissertationsbetrüger dazu zu bringen, aus ihren Handlungen wenigstens die offensichtlichsten Konsequenzen zu ziehen. Denn keiner der Betroffenen hat den Mut eines Bob. Keinem wird es jemals gelingen, von sich aus klar und offen zu seinen Taten zu stehen.

„Ja, ich habe plagiiert“ — dieser Satz wird keinem der jetzt oder in Zukunft enttarnten Plagiatoren freiwillig über die Lippen gehen. Sie werden so lange schweigen, lügen, ablenken, Gegenvorwürfe erheben, mit den Namen von Eliteuniversitäten um sich werfen, bis nicht nur sie selbst daran glauben, dass sie allesamt ein Unschuldiger sind.


18 Kommentare on “Lauter Unschuldige”

  1. Da krieg ich Plag sagt:

    Dem kann ich komplett nur beipflichten. Wobei man ja noch dazu sagen muss, dass selbst Herr zu Guttenberg den entscheidenden Satz „Ich habe plagiiert.“ (und den daraus resultierenden Satz „Ich habe gelogen.“) bis heute nicht gesagt hat. Zwar bewerte ich sein Verhalten damals im Angesicht dessen, was seine „Nachfolger“ gerade darbieten, inzwischen deutlich gnädiger, er ist immerhin zurückgetreten.

    Ich frage mich nur, wenn selbst die im Fall zu Guttenberg ja relativ große Empörung auch aus der Wissenschaft, wenn auch reichlich spät, und wenn selbst das eindeutige Urteil der Uni Bayreuth, die tatsächlich von Vorsatz sprach, nicht gereicht hat, um ein solches Eingeständnis zu bewirken, was dann?

    Und das betrifft ja nicht nur zu Guttenberg. Es betrifft all jene Unionspolitiker (etwa Kauder, Bosbach, Geis, Seehofer, Friedrich), die es für völlig unvorstellbar und eine infame Behauptung hielten, zu Guttenberg hätte bewusst getäuscht. (Und das in den meisten Fällen bekennenderweise ohne jede Kenntnis der Sachlage.) Keiner davon hat sich seitdem noch einmal zu der Geschichte geäußert.

    Die mediale Aufmerksamkeitspanne, die relativ große Gleichgültigkeit der Bürger gegenüber dem Europäischen Parlament bzw. Landtag und die leider immer noch sehr effektive Dreistigkeit der Betroffenen werden zusammen wohl reichen, um Koch-Mehrin, Pröfrock und Chatzimarkakis das Festklammern am Mandat zu ermöglichen. Und das macht mich dann schon etwas verzweifelt.

  2. ediederichs sagt:

    Meine Diagnose von Anatol Ratlosigkeit sieht so aus:

    Es ist normal, daß ein an sich leicht verständliches Thema wie zu plagiieren, die Aufmerksamkeit der Leute nur in begrenztem Maß zu fesseln vermag und mit dem Inhalt dieses Themas hat das auch nichts zu tun. Auch halte ich die Vermutung für falsch, daß mit dem Schwinden der Aufmerksamkeit auch die Einstellung oder die Meinung zu diesem Thema einer Veränderung unterliegt.

    Die imho einzig sinnvolle Konsequenz besteht darin, die politische Willensbildung im Augenblick ihrer größten Präsenz durch politische Konsequenzen zu manifestieren. Dies könnte durch online-Wahlen nach folgendem Vorbild geschehen:

    (Diesen Hinweis verdanke ich Anton Meier.) Was dafür freilich erforderlich wäre, wäre neben einer Änderung von allerlei Wahlgesetzen, eine Änderung der politischen Kultur von einer Entmündigungswahl hin zu einer Kreditwahl, einer Wahl, deren Aussage ein Kredit politischen Vertrauens ist, der bei geeignetem Anlaß auch gekündigt werden kann. Ökonomisch finden wir das bereits seit Jahrhunderten akzeptabel.

    Nutzen wir diese ökonomische Metapher aus, so können wir schließen, daß wir als Volk, als Bank im Moment einen Kredit an Parlamentarier geben, den wir nicht kündigen können, auf den wir keine Zinsen bekommen, und für den wir via Art. 38 I 2 GG auch keine Leistung verlangen dürfen. Und jeder würde sagen, daß das kein Kredit, keine Vertretung, sondern ein Geschenk, eine Aufgabe der politischen Selbstbestimmung ist. Doch selbst Geschenke dürfen rechtlich zurückgefordert werden, wenn der Beschenkte sich z.B. groben Undankes gegenüber dem Schenker zu schulden kommen läßt.

    Warum wir in offensichtlichster Weise für Volksvertreter andere Maßstäbe benutzen, ist unter keiner Bedingung einzusehen.

    Historisch gesehen wäre das für eine von oben aufoktruierte Demokratie wie die der BRD nach 1945 ebenfalls sicher ein interessanter Schritt: Wir würden auf internationaler Bühne endlich erwachsen werden.

    • Granado sagt:

      Entlarvender Slogan bei den ersten Wahlen nach Francos Tod war (ich glaube, von der PSOE): Pon tu voto a trabajar! Lass deine Stimme arbeiten! analog zu: Lass dein Geld arbeiten – auf dem Sparbuch. Dagegen ein Cartoon: Er ist stumm, er hat seine Stimme abgegeben.

  3. […] ist allerdings nicht die einzige. Anatol Stefanowitsch erkennt erkennt einen gewissen Realitätsverlust, wie er auch in Gefängnissen weit verbreitet ist. […]

  4. […] Koch-Mehrin trotzdem versucht, muss umso mehr angeprangert werden, was Antatol Stefanowitsch auch hier immer wieder […]

  5. Arndt Beitat sagt:

    Was wir seit der Causa Guttenberg erleben, ist eine Bestätigung, dass gruppendynamisches Verhalten und demokratische Entscheidungen nicht automatisch sinnvoll oder gar ´korrekt´ sind.

    Was tun? Die Öffentlichkeit sensibiliieren? Gegensteuern?

    Aufklärungsversuche mit kristallklarer Offenheit führen bei Andersdenkenden in der Regel zu erbitterten und sich immer mehr verhärtenden Gegenfronten; bereits ähnlich Denkende und Argumentierende stimmen hingegend begeistert zu – erreicht oder bewegt hat man in beiden Fällen dadurch … nichts.

    Willkommen im Leben.

  6. […] den Originalbeitrag weiterlesen: Lauter Unschuldige « DE PLAGIO – WordPress WordPress Content/ Zitat Ende Klicken Sie einfach auf den Link unter "Beitrag weiterlesen", dann gelangen […]

  7. eiste ecksau sagt:

    Wir müssen stark sein und uns den harten Fakten stellen!

    1. Wir haben es mit Psychopathen zu tun.

    [Quelle: http://www.read-all-about-it.org/archive/politik/psychopathen_ne0108.html%5D

    “ Mit ihrer regen Einbildungskraft kommen Psychopathen, die bei einer Lüge ertappt werden, nicht aus der Fassung. Sie reagieren selten ratlos oder verlegen – sie ändern einfach ihre Geschichte oder versuchen, die Umstände neu zu erfinden, so daß sie zu der Lüge passen. Widersprüchliche Aussagen, die den Zuhörer verwirren, stören sie nicht. Oft sind sie sogar stolz auf ihre Fähigkeit zu lügen. Bei Fehlschlägen schämt sich der Psychopath nicht. Er bleibt Moralapostel auch dann, wenn man ihn beim Fehlverhalten erwischt. “

    2. Die meisten Menschen kennen den Wissenschaftsbetrieb nicht ansatzweise, geschweige denn dessen Regeln.

    3. Viele Menschen empfinden Lust und Faszination daran, betrogen zu werden, sofern sie es denn durchschauen.

    4. Viele Menschen nähren ihr Selbstwertgefühl mit dem (echten oder vermeintlichen) Glanz ihrer Idole.

    5. Im Zweifelsfall ist der Kühlschrank, das Fernsehprogramm oder der nächstes Geburtstag viel wichtiger als Einigkeit und Recht und Freiheit und Politik und das Schicksal unseres Planeten.

    6. Es fehlt der Menschheit an allen Ecken und Enden schlicht an Intelligenz und Bewusstsein.

    7. Wie Autor/in dieser Zeilen sich in obige Feststellungen fügen lässt, ist mangels kritischer Masse vollkommen belanglos.

    Und jetzt? Vielleicht müssen wir einfach damit leben?

    [ Ungeachtet all dessen: Anatol for president!😉 ]

  8. Ron sagt:

    Nach meiner Erfahrung ist es völlig normal, dass das Interesse an solchen Themen abklingt, wenn die ersten großen Skandale durch(diskutiert) sind.

    Aber die nächsten Wahlen kommen bestimmt und ich denke, dass nach den Erfahrungen des letzten Jahres Menschen, die sich mit einem „Dr.“ um ein öffentliches oder sonstiges hohes Amt bemühen, sehen werden, dass zukünftig ihre Doktorarbeit einer Überprüfung unterzogen werden – durch die Medien und/oder die Öffentlichkeit – genauso wie alle anderen Stationen des Lebenslaufs auch schon in der Vergangenheit auf Eignung überprüft wurden.

    Und all diejeningen, die heute an ihren Doktorarbeiten arbeiten, werden mit hoher Wahrscheinlichkeit verstärkt durch die Universitäten kontrolliert werden und zudem dank der Aufmerksamkeit des letzten Jahres wissen, dass eine Doktorarbeit eine Leistung ist, die a) theoretisch für alle zugänglich ist oder werden kann und daher b) möglicherweise auch einer verstärkten öffentlichen Begutachtung – innerhalb und außerhalb des Wissenschaftssystems – unterliegt. Fehler oder Regelverstöße werden daher leicht(er) entdeckt werden können als in anderen Stationen des Lebenslaufs und die Sorgfalt, die man der Doktorarbeit zukommen lässt, daher größer sein (müssen).

    Ich denke daher, dass selbst wenn die große Aufmerksamkeit jetzt abklingen mag, Denkprozesse bei Promovierenden und Promovierten aber auch bei einer breiteren Öffentlichkeit angestoßen wurden, deren Ergebnisse wir in den nächsten Jahren (hoffentlich) beobachten können.

  9. Gast sagt:

    Wer von Schuld und Unschuld redet, der erhebt seine persönliche Sichtweise zum Maßstab aller Dinge. Für die katholische Kirche gilt Schwangerschaftsabbruch als Mord, für die Feministinnen gilt es hingegen als Grundrecht auf körperliche Selbstbestimmung („Mein Bauch gehört mir!“).

    Das Problem an den Dissertationen ist, dass sie seit Jahrhunderten dem Ideal der selbstverfassten Monographie folgen, während sich in den vergangenen 18 Jahren völlig neue Gestaltungsformen (Hypertext, eingebettete Videos, Animationen usw.) entwickelt haben. Die Zahl der Dissertationen ist gestiegen (innerhalb von hundert Jahren von 1000 auf 25000 pro Jahr), der Seitenumfang auch (in den 1920er Jahren reichten 30 Seiten aus, heute müssen es mindestens 300 Seiten sein) und die technischen Möglichkeiten der Mehrfachverwendung von Bauteilen dürfen zwar in der Automobilindustrie genutzt werden, aber im Wissenschaftsbetrieb gelten mehrfachverwendete Halbsätze nach wie vor als streng verpöntes Plagiat. Der Vorteil der Plagiatsaffären liegt darin, dass sie zur Diskussion darüber zwingen, welche Leistungen realistischerweise von einzelnen Menschen erbracht werden können.

    Die Wissenschaft liegt zwanzig Jahre hinter den technischen Möglichkeiten zurück (die Professoren haben erst jetzt gemerkt, dass man Texte mit Copy&Paste vervielfältigen kann, sie haben erst jetzt gemerkt, dass Wikipedia wesentlich aktueller und zuverlässiger ist als die alten Schinken aus der Universitätsbibliohek, sie haben aber noch nicht gemerkt, dass neue Gedanken, Ideen und Texte auch in Chatrooms oder Diskussionsforen usw. entstehen können). Die Borniertheit abgehobener Professoren erkennt man, daran, dass sie den originellsten Quellen (Chatroom, Foren, Oral History) den Status der Zitierfähigkeit verweigern.

    Höchstens zehn Seiten einer jeden Dissertation enthalten wirklich bahnbrechende Erkenntnisse, die einem einzelnen Autor zugeschrieben werden können. Alles andere ist teilweise redundantes Füllmaterial (Definitionen, Darstellung von Gegenargumenten, historische Entwicklung, Statistiken), das heute nicht mehr unbedingt in Form einer selbstverfassten Monographie verfasst werden muss.

    Insofern könnte man eine Dissertation auch so gestalten, dass ein zehn Seiten langes, selbstverfasstes Thesenpapier eingereicht werden muss, während der Rest als Anhang in beliebiger Form (Animation, Hörbuch, Verweise auf andere Webseiten, Video, Zeitungsausschnitte) beigefügt werden kann, damit die redundante Buchstabenproduktion zum Erlangen des Doktortitels (750.000 Seiten pro Jahr) endlich eingedämmt wird und die Wissenschaftler sich langsam wieder darauf besinnen, dass Leistung = Arbeit / Zeit bedeutet.

    Mit dem Entzug der Doktortitel zeigt die Wissenschaft ihre MACHT, über Titel und Ansehen zu entscheiden, aber gleichzeitig auch ihre Ohnmacht, Altes und Neues, Originelles und Plagiiertes, Wichtiges und Banales wirklich unterscheiden zu können.

    • Plaqueiator sagt:

      Eine (langweilige, langatmige) Verdrehung von Tatsachen (Verschleierung) in einem viel zu langen Post..Grundlagen in einer Dissertetion sind so knapp wienötig,so präzise wie möglich und vor allem tadellos transparent in ihre Herkunft darzustellen. Intertextualität hat in der Wissenschaft nichts verloren.
      Keineswegs zeigt „die Wissenschaft“ ihre Ohnmacht, unterscheiden zu können. Allenfalls zeigen die Plagiatoren ihre Unfähigkeit zu kritischer, das heißt wissenschaftlicher Arbeit.

    • doubledeuce sagt:

      Der Beitrag zeigt sehr gut, wie wenig wissenschaftliches Denken in der Gesellschaft verankert ist. Wenn operationale Definitionen als eigentlich unnötiges Beiwerk erachtet werden, müssen Wissenschaftler hier einfach noch jede Menge Wissen unters Volk streuen. Meines Erachtens nach sollte es schon in weiterführenden Schulen Unterricht zum wissenschaftlichen Arbeiten geben😉

  10. […] In Jim Jarmuschs „Down by Law“ gibt es eine Szene, an die ich in den lezten Tagen wiederholt denken muss. Bob (Roberto Benigni) wird in eine Zelle mit Jack (John Lurie) und Zack (Tom Waits) gesperrt und es entspinnt sich folgender Dialog: Bob: Warum bist du in diesem Gefängnis? Jack: Keine Ahnung. Voodoo oder so was. Man hat mich reingelegt. Ich bin vollkommen unschuldig, verstehst du? Bob: Ja, du bist ein Unschuldiger, ich verstehe. Und du, mein … Read More […]

  11. Gast sagt:

    Bitte weitermachen! Nur Mut!

    1. Im Internet „naming and shaming“
    2. Petition unterstützen
    3. Politiker und Parteien per Email kontaktieren und um Stellungsnahme bitten

  12. and here sagt:

    Um Unterschriften zu bekommen müssen dieser Brief/diese Petition erst einmal bekannt werden. Ich lese das heute durch Zufall zum ersten mal.

    Die Verfasser solcher Aktionen sollten Links an die Astas und Fachschaften aller Unis/FHs schicken mit der Bitte um Weiterleitung an Studenten/Mitarbeiter über Email-Verteiler.

    • ediederichs sagt:

      Ja, guter Hinweis. Das Problem, alle diese „isolierten Insel“ systematisch zusammenzuführen, haben wir schon diskutiert. Ich kümmere mich gerade darum.

  13. mitzeichner sagt:

    Habe den post von Anatol zum Anlaß genommen, den offenen Brief an Rösler bzgl. Chatzi zu unterzeichnen. Dabei werden Name, Adresse und PLZ abgefragt und werden für Rösler sichtbar. Das düfte viele Netzbürger abschrecken.

    Nicht verzagen lassen.
    Die Sache ist zu ernst.
    Die fortdauernde Beschimpfung der Wissenschaft durch Politiker, die einen wissenschaftlichen Titel tragen, darf von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern nicht hingenommen werden. Wir müssen sichtbar bleiben. Und bei jeder Gelegenheit den Damen und Herren ihre Zitate im die Ohren hauen.

    Latest: Dr. Althusmann. Niedersachsens oberster Zuständiger für Schulbildung.
    „Bei den aktuellen Auseinandersetzungen um Dissertationen gehe es wohl auch um wissenschaftliche Kriterien über die korrekte Zitierweise, vermutet Althusmann. Bislang gebe es keinen „einheitlichen Standard für Zitierweisen an deutschen Universitäten.“

    Glücklicherweise ist das Kultusministerium NDS nicht für Wissenschaft und Forschung zuständig…


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